Gut gefülltes Kinocenter Marburg zur Vorführung DAS KONGO TRIBUNAL bei der Globale Mittelhessen 2019

UND NICHT MIT KRITISCH-ÄSTHETISCHER DISTANZ

Politischer Film und Gespräche auf der Globale Mittelhessen

Une Catastrophe

C’est la première
Strophe
d’un poème
D’amour

Jean-Luc Godard

 

Warum ich meinen Text zu dem Filmfestival Globale Mittelhessen und über einige Filme, die ich dort sah, DAS KONGO TRIBUNAL, ORO BLANCO, DER ZWEITE ANSCHLAG, THE TASTE OF CEMENT, SKULLS OF MY PEOPLE und COMMANDER ARIAN mit einem Werk der filmischen Kunst, mit Jean-Luc Godard’s Viennale-Trailer von 2008 „Une catastrophe“ überschreibe: Godard gelingt es in diesen 63 Sekunden eine universelle Äußerung über den Gegensatz von Leben und dessen gewaltförmiger Zerstörung zu erzeugen, die die ganze Katastrophe in einem alleinigen Augenblick zum Ausdruck bringt. 63 Sekunden, die die menschengemachte Vernichtung von Leben als ein einziges Gewaltverhältnis zusammenfasst, indem er vor dem Hintergrund seines lebenslangen Filmschaffens die im Video enthaltenen Elemente Ton, Bild, Wort, Schrift, Schwarzbild und Pause aus Gegensätzen und großen Entfernungen, aus historischen Zeitspannen des europäischen 20. Jahrhunderts in eine Bewegung versetzt, die diesen einen Wimpernschlag der Geschichte erzeugt. Dieses Video ist reine filmisch geschaffene Kunst, die aber mein Anliegen, das politisch ist, berührt. Ein filmisches Meisterwerk, das keine Kategorie hat und auch nicht als Maß dienen soll für das politische Filmprogramm, um das es im Folgenden geht. Von hier zu den politischen Langfilmen der Globale Mittelhessen zu kommen ist vielleicht ein Umweg, doch ich möchte hier starten,  an diesem speziellen Ort der filmischen Kunst, denn von hier ausgehend gibt es für mich kein Tabu, keine kulturelle Hierarchie, keine Abgrenzung oder Besserwisserei, wenn es um diese eine Art der Hervorbringung geht, die das Leben meint und die Utopie seiner Befreiung. So gelange ich zur Globale Mittelhessen, deren Grundidee eine emanzipatorische ist.

Gerechtigkeitsfrage auf globalem Niveau

Weltkarte der 2.956 beim Environmental-Justice-Atlas gemeldeten Fälle von Land- und Umweltkonflikten CC BY-NC-SA 3.0 https://ejatlas.org/

Wohin wir auch blicken auf diesem Globus, hören wir von Landkonflikten. Von an ihren Orten verwurzelten Bevölkerungen, die ihr Land, das sie ernährt, der Aneignung durch Konzerne ausgeliefert sehen und gezwungen sind, entweder ihre Lebenszeit einem existentiellen Widerstandskampf zu widmen oder aber zu weichen, meist mit dem absoluten Verlust von allem. Das Wissen um die Zusammenhänge der in die global verschifften Waren und ihre Rohstoffe eingeschriebenen Konflikte um Lebensraum, Arbeit, Nahrung, Wasser, Gesundheit und atembare Luft bis hin zum Überleben selbst, die am Anfang und am Verlauf der nach den Regeln der Kapitalakkumulation organisierten Warenproduktions- und handelskette liegen, ist inzwischen mehr verbreitet. Das „Alles hängt mit Allem zusammen“ lässt sich nicht mehr aus unserer täglichen Gegenwart entfernen. Die Thematisierung der Gerechtigkeitsfrage auf globalem Niveau, die über die Klimaproteste ins öffentliche Bewusstsein kam, bindet uns alle mit ein.
Was aber, wenn ein ganzes Land von der Größe Westeuropas, weil es eines der rohstoffreichsten Länder der Erde ist, zum Ort einer „wirtschaftlichen Verteilungsschlacht“ um Öl, Diamanten, Koltan und Gold wird, die bis heute bis zu 6 Millionen Tote forderte? Über diese Zusammenhänge  geht es z.B. im Film DAS KONGO TRIBUNAL.

Dem Massaker von Mutarule im Kongo fielen im im Juni 2014 über 30 Frauen und Kinder zum Opfer. Standbild aus dem Film Das Kongo-Tribunal von Milo Rau. ©realfictionfilme

So sind es am Ende auch Filme über unsere eigene vom globalen Kapitalismus geprägte Lebenswelt. Wir als Publikum erleben die Filme als in die ganze Geschichte mit eingebunden und nicht mit kritisch-ästhetischer Distanz, und das ist sehr gut so. Mehr Nähe und Wissen zu den Konflikten an anderen Orten zu vermitteln, sowie über die oft so besonders erhellenden historischen und ökonomischen Zusammenhänge, über Menschen und Lebewesen, deren Schicksale nicht zu vergessen und nicht auszublenden sein sollten, ist das, was Filmemacher*innen, Autor*innen, Künstler*innen und Journalist*innen auf verschiedenste Weise und mit der Anwendung ihrer jeweils eigenen dokumentarischen Praxis tun. Dass es zu den jeweiligen Vorgehensweisen lehrreiche theoretische Diskurse gibt, liegt in der Natur der Sache und eines erstmal berechtigten Zweifels an der "Wahrheit des Dokumentarischen". Diese Frage zu leicht zu stellen kann aber auch zynisch werden. Dazu an späterer Stelle noch mehr. Besser definiert sie sich dann über die Frage nach möglicher Reproduktion ideologisch formierter Narrative und Konsensproduktion, nach möglichen Interessen privater Filmförderer, des Marktes oder durchaus auch nach der Perspektive der Filmemacher*innen auf ihre Protagonist*innen.
Hierfür bietet die Globale Mittelhessen jedes Jahr für zwei Wochen mit einem umfassenden Programm, das sich bemüht die wichtigsten Themen und Fragen der Zeit zu behandeln, einen Ort, der sich über das ganze Umland zwischen Marburg und Gießen auf 16 Spielorte verteilt, ganz bewußt auch in den ländlichen Raum hinein. Vieles Fragen und Wiederfragen des Publikuns wurde in langen und ausführlichen Filmgesprächen mit zu den  jeweiligen Themen eingeladenen Referent*innen oder mit den Regisseur*innen erörtert. Die Gespräche nach den Filmen sind ein wichtiger Bestandteil des ganzen Festivals, auf dem es nicht um Wettbewerb geht, sondern um das Interesse, die Welt unter dem Gesichtspunkt der globalen Gerechtigkeit besser kennenzulernen.

Auch wenn wir selber die Widersprüche in uns tragen

Ort für Impulse und Denkanstöße: Das Kinocenter Capitol in Marburg, eine der Spielstätten der Globale Mittelhessen vor historischer Kulisse.

Dieses Sichtbar- und Hörbarmachen, das meist mit viel Engagement und oft jahrelanger Arbeit an politisch-dokumentarischen Filmen einige der Abermilliarden zu erzählenden Geschichten an die Öffentlichkeit bringt, findet auf der Globale Mittelhessen mit 37 Filmen ein großes interessiertes Publikum. Als politisches Filmfestival geht es vor allem darum, so Manuel Kästner, der Koordinator des Festivals,
„Impulse zu setzen, Denkanstöße zu geben und möglichst so, dass die Leute sich zu den Themen auseinandersetzen,“ sagt Manuel Kästner, der Koordinator des Festivals in unserem Gespräch. „Wir bieten auf einer niederschwelligen Art die Bereitstellung eines Rahmens für Auseinandersetzung. Wir bekommen die Rückmeldung, dass die Besucher*innen das für sich als sehr bereichernd wahrnehmen, sie mit Impulsen rausgehen und sich Initiativen oder Gruppen gründen nach den Veranstaltungen, weil die Menschen etwas tun wollen oder sie sich anschließen an Gruppen, die in den Themenbereichen arbeiten. Es geht uns darum, solidarisch zu sein, wichtige gesellschaftliche Themen in den Filmen abzudecken, für eine gerechtere Welt einzutreten, auch wenn wir selber die Antworten, wie ein Übergang stattfinden kann, nicht haben und wir die Widersprüche in uns tragen. Wir sind kein Szenefestival, sondern ein politisches Festival, das einen erweiterten Publikumskreis erreicht. Politische Akteure, die aktiv sind und meistens deswegen ohnehin überlastet oder Inhalte schon kennen, kommen weniger im Verhältnis, sondern Menschen, die an den Themen interessiert sind, und dabei entstehen auch kontroverse Diskussionen. Es gibt viele Erstkontakte zu den Themen und es ist dadurch eine große Wirkung vorhanden.“

Kleine Weltreise des Wissens

Das Filmprogramm, das den Anspruch hat, „den hegemonialen Diskursen alternative Sichtweisen von unten entgegen zu setzen“ und dabei „nicht nur Filme über den Globalen Süden zu zeigen, sondern gerade auch Filmen aus dem Globalen Süden eine Bühne zu bieten“, (s. Programmheft) kommt der Option auf eine kleine Weltreise des Wissens gleich, die praktischerweise co2arm und örtlich erreichbar mir viele Blicke in Länder ermöglichte, die ich nicht bereisen würde. Eine Gelegenheit, meine eigene Auseinandersetzung und Weiterbildung in einen großen Kinoraum zu verlegen, der die Bilder und Geschichten mit dem Publikum im Dunkel dieses großen Saals zusammenbringt, sie auf der Licht-Leinwand in den Mittelpunkt rückt, getragen von dem raumfüllenden Klang der Filme. Das kann eben nur das Kino.
So nahm ich mir eine Woche für die Globale Mittelhessen und ging mit einem gewissen Wissensdurst an die angebotenen Filme, von denen ich aufgrund der vielen Spielstätten naturgemäß nur eine Auswahl sehen konnte und auch auf einen Film wie THE TASTE OF CEMENT von Ziad Kalthoum verzichten mußte, da er zeitgleich mit COMMANDER ARIAN von Alba Sotorra lief, einem Film über ein Frauen-Bataillon der Women‘s Protection Unit YPJ in den kurdischen Gebieten im Norden Syriens. Diesem Film widmet sich der als nächstes erscheinende Teil zur Globale Mittelhessen. Dabei werden vor allem das nachfolgende Gespräch mit Funda Hülagü von der Universität Marburg und ein spannendes Interview, das ich nach dem Film mit einem Menschen aus Marburg führen konnte, der als Internationalist 2 Jahre in Rojava war, von mir ausgearbeitet werden.

Gefangen am eigenen Arbeitsplatz / Standbild aus "The Taste of Cement" von Ziad Kalthoum, Link zum Filmtrailer    ©3Rosen

THE TASTE OF CEMENT von Ziad Kalthoum ist ein Film über aus Syrien geflüchtete Bauarbeiter, die in Beirut neue Wolkenkratzer auf den Ruinen des libanesischen Bürgerkriegs bauen, während in Syrien ihre eigenen Häuser bombardiert werden. Auf der Baustelle sind sie durch eine Ausgangssperre wie in einem Gefängnis eingesperrt. Der Trailer dieses Filmes lässt bereits eine einzigartige Bild- und Tonsprache erkennen, die darauf hinweist, dass Ziad Kalthoum eine Form fand, der eigentlichen Unantastbarkeit der Würde der Menschen in diesem Film  gerecht zu werden. Diesen Film hätte ich gerne gesehen, zumal Ziad Kalthoum selbst anwesend war.
Da es mir vor allem darum geht, die Themen der Filme ausführlich zu erarbeiten, ist also nur eine Frage meines eigenen Pensums, dass hier nicht der wichtige und spannende Film zur deutschen Kolonialgeschichte SKULLS OF MY PEOPLE von Vincent Moloi über den Mord an dem Volk der Herreros und der Nama durch deutsche Kolonialisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts tiefgehender beschrieben wird. Der Film erzählt vom Kampf um eine Schuldanerkennung durch die Deutschen gegenüber den heutigen Nachfahren der Herreros und Nama bis hin zu ihrer Anreise und ihren Protesten in Berlin. Er zeigt Orte der Morde, zu Beginn eine Kirche, in die die Menschen "zum Beten" geführt wurden, um sie dort zu erschießen. Weitere Greueltaten und die Errichtung von Konzentrationslagern, die die Deutschen also damals schon erfunden hatten, sind Gegenstand des Filmes. Sowie die Situation heute, in der 80% der Landwirtschaft in den Händern deutscher Eigentümer liegt.  Da einheimische Bevölkerungen ihr Land oft in einer Form des Kollektivbesitzes ohne Eigentumsrechte bewirtschaften, ist das Fehlen dieser Rechte auch heute u.a. eine gängige Legitimation für Landnahmen durch Konzerne, wie es während der Anhörungen im Film DAS KONGO TRIBUNAL sichtbar wird. Die Frage aus dem Publikum, die nach dem Film SKULLS OF MY PEOPLE im Raum stand: Warum bleibt eine angemessene Entschuldigung der deutschen Regierung aus? Fürchtet sie, dass dadurch der Stein ins Rollen kommt und womöglich die Rückgabe von Land gefordert wird? Diese Frage blieb offen.

 

Kunst, die der Wirklichkeit dient, im Sinne dieses Wortes

Die Bukavu Hearings am 31. Mai 2015, Standbild aus DAS KONGO TRIBUNAL, Link zum Filmtrailer ©realfictionfilme

Ein Film ist politisch mit einem sozialen Bewusstsein in einem sehr speziellen Sinne nur, wenn er die Macht von der Seite der Opfer her sieht und in einem noch spezielleren Sinne, wenn er die Frage nach einer Veränderung der Machtverhältnisse stellt.

Georg Seeßlen
 Was ist ein politischer Film / epd Film, 2016

 

DAS KONGO-TRIBUNAL ist der Dokumentarfilm zu einem zivilgesellschaftlichen Tribunal, das der Theaterregisseur Milo Rau ins Leben rief, um die Bürgerkriegssituation im Kongo mit bis heute 6 Millionen Opfern in den letzten 20 Jahren auf ihre Zusammenhänge mit dem Rohstoffreichtum des Landes und den Interessen von Konzernen, Staaten, der Weltbank, Regierungsbeamten, der UN und internationalen NGOs hin zu untersuchen. Als Theaterstück auf eine Bühne gebracht, in denen die Akteur*innen real sind. Die gesamte Konzeption dieses Projektes dient einer überprüfbaren Wahrheitsfindung zu den Hintergründen für die heutige katastrophale Situation im Ost-Kongo, die zu keinem Ende kommt und ist gleichzeitig in seiner Formgebung Kunst, die der Wirklichkeit dient, im Sinne dieses Wortes. Eine Kunstbetrachtung ist dabei von weniger großer Bedeutung, fügt sich doch die Form des Tribunals ganz den Erfordernissen seiner Realisierung, was ich als gelungen empfinde. Die Freiheit der Kunst und die Bekanntheit des Theaterregisseurs machen die Inszenierung in einer solch umfassenden Ausführung möglich. So interessiert mich vor allem der am Ende ausgearbeitete Inhalt. Der Film zeigt Aufnahmen der beiden Hearings, eines in Bukavu im Mai 2015, das andere 2 Monate später in Berlin, die zu unterschiedlichen Schwerpunkten zusammen das Tribunal ergeben, wechselt zu dem großen beeindruckenden Land, seinen Menschen und Orten um die die einzelnen Fälle sich drehen und zeigt Interviews mit Teilnehmer*innen des Tribunals, die im Kongo stattfanden.
„Nehmen Unsicherheit und Gewalt im Ostkongo kein Ende, weil zu viele lokale und internationale Player von den Konflikten profitieren?“ war die entscheidende Frage, die der Untersuchung zugrunde lagen. Während sechs Tagen kamen ein halb kongolesisches, halb internationales Expertengremium, bestehend aus 60 Personen: Betroffenen, Augenzeugen, Politikern, Anwälten, Militärs, Rebellen, Rohstoffhändlern, Minenbaufirmen und lokalen Menschenrechtsaktivist*innen, NGO-, UNO- und Weltbankfunktionären, Bürger*innen, Soziolog*innen, Ökonomen und Jurist*innen sowie zwei Anwälten des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag zu diesem zivilgesellschaftlichen Tribunal zusammen.

Jurymitglied Vénantie Bisimwa Nabintu befragt Zilahirwa Chakirwa, den Priester der Gemeinde Cinjira. Standbild aus dem Film DAS KONGO TRIBUNAL ©realfictionfilme

Vénantie Bisimwa Nabintu, Mitglied der Jury der Bukavu Hearings ist Menschenrechtsaktivistin und eine der engagiertesten Kritikerinnen der Rolle der NGOs, der UNO und der großen multinationalen Konzerne in Afrika. Sie engagiert sich zum Thema der Massenvergewaltigung als Kriegsstrategie und des Fortlebens kolonialer Strukturen in der heutigen kongolesischen Gesellschaft. Sie befragt bei den Anhörungen in Bukavu Zilahirwa Chakirwa, den Priester der Gemeinde Cinjira, die durch das kanadische Bergbauunternehmen BANRO für die Betreibung des Standorts Twangiza umgesiedelt wurde.

Zilahirwa Chakirwa, Priester der Gemeinde Cinjira bei seiner Anhörung in Bukavu. Standbild aus dem Film DAS KONGO TRIBUNAL ©realfictionfilme

Sie zeigt ein Foto: Was ist das?  ZC: Das ist der Ort, an dem das Unternehmen den Abfall entsorgt. Das Wasser ist giftig, die Vögel, die davon trinken, sterben. VBN: Sie sagen also, Banjo hat das hier gebaut?  ZC: Ja, Banjo. Sie haben eine Seite des Flusses gestaut. Kühe, Ziegen und Schafe sterben wegen des Wassers sofort. Radiosender berichten, dass sogar Menschen sterben können. Aber es interessiert niemanden.

Koltan, Gold, Diamanten, Kupfer, Mangan, Blei, Zink und Zinn

Filmplakat Das Kongo Tribunal ©realfictionfilme

“Das Kongo Tribunal stellt sich in den Dienst des kongolesischen Volkes, eines der reichsten Völker der Menschheitsgeschichte,“
so Milo Rau bei seiner Eröffnungsrede der Bukavu Hearings. Das Reichste aufgrund seines Rohstoffreichtums, tatsächlich aber wohl aufgrund seines Rohstoffreichtums das am meisten geschundene, ausgebeutete und ärmste. Um Koltan, Gold, Diamanten, Kupfer, Mangan, Blei, Zink und Zinn kämpfen auch die Armen, wenn es um die Vertreibung lokaler Schürfer aus der z.B. von ihnen selbst entdeckten Bisie-Mine geht, ein im Kongo-Tribunal unter Betrachtung relevanter Hintergründe exemplarisch untersuchter Fall. Vor allem aber stehen die internationalen Großmächte und Konzerne in angespannter Konkurrenz um die Konzessionen für den Abbau der für das 21. Jahrhundert so bedeutungsvollen Technologierohstoffe. So gelang es mit diesem Tribunal, dem Narrativ von „Stammeskriegen“ eine differenzierte Analyse entgegen zu setzen, die die ewig und allerorts am meisten beschuldigten und auf diesem Wege in rassistische Typologien gezwängten lokalen Bevölkerungen wenigstens davon ein kleines bißchen erleichtern kann. Das heißt nicht, dass sie om Ostkongo nicht in Konflikte verwickelt sind und Gruppen sich nicht untereinander bekriegen und Gewalt, auch erschreckende ausüben, aber: Der Grund dafür ist - und ich verpacke das „ist“ bewußt nicht in eine dem dokumentarischen Zweifel geschuldete Möglichkeitsform - ist die Armut. Durch Vertreibung, Arbeitslosigkeit, Diebstahl an ihrem Land, durch den Zwang zu aberwitzig hohen Steuern gegenüber z.B. einer Steuerbefreiung des kanadischen Bergbauunternehmens Banro - der zweite in diesem Tribunal in ausführlichen Befragungen analysierter Fall. Der Grund ist die Geschichte des Landes, das von Gewalt in einem Masse überzogen wurde, das apokalyptisch ist: Das nie aufgearbeitete Inferno der Gewalt während der Kolonialzeit und die Hölle des Sklavenhandels davor, als 4 Millionen Sklavinnen und Sklaven aus dem Gebiet des heutigen Kongo verschleppt worden waren. Und der Grund sind die totale Destabilisierung des Landes heute und der fehlende Schutz für die Bevölkerung. Angesichts des allumfassenden Mangels kommen die Kriegereien um die wenigen Lebensressourcen natürlich noch dazu. Vereinfacht mag es dargestellt klingen, aber die Einfachheit, die Geschichte hinter angeblichen „unüberschaubaren Komplexitäten“ zu vergessen, ist im politischen Sinne eben einfach zweckdienlich.

Das Filmteam von Das Kongo-Tribunal traf während Rechercheaufnahmen zufällig auf das Dorf Mutarule kurz nach dem Massaker. ©realfictionfilme

Der dritte exemplarisch untersuchte Fall ist der des Massakers in Mutarule, das im Jahr 2014 stattfand und dem über 30 Frauen und Kinder zum Opfer fielen.
„Und dies ist der Grund, warum wir das „Kongo Tribunal“ durchgeführt haben: Um zu verstehen, warum Mutarule, warum all diese Vertreibungen und Massaker stattgefunden haben und weiter stattfinden. Was wir selbst, über unsere Zeugenschaft hinaus, damit zu tun haben. Gleichzeitig entsteht in dem Film etwas, was eigentlich dokumentarisch gar nicht darstellbar ist: ein Porträt der Weltwirtschaft, eine sehr konkrete Analyse all der Gründe und Hintergründe, die dazu führen, dass der Bürgerkrieg im Ostkongo seit über 20 Jahren nicht aufhört. Und wer ein Interesse daran hat, dass das auch so bleibt.“ Zit. Milo Rau in seinem Regiestatement.

Die Gründlichkeit des Werkes

„Der weiße Held rettet die Schwarzen“ ist das berühmte No-Go, das als Kritik aus dem Publikum natürlich nicht ausblieb. Sie bezieht sich auf eine bestimmte Typisierung, Heroisierung und Rollenverteilung von Protagonisten, die trotz eines Kampfes für z.B. die Rechte von Schwarzen oder die Rechte indigener Gruppen in der jeweiligen Inszenierung  als versteckter Rassismus zutage tritt, wie wir es aus zahlreichen Filmen kennen. Dem stimme ich in diesem Fall aber entschieden nicht zu. Es  kam auch mir in den Sinn, denn gewisse Bilder von Milo Rau, wenn er selber offensichtlich bewegt durch eine Menschenmenge geht und für sein gegenüber dieser Menge von dem Oppositionsführer angekündigtes geplantes Tribunal, ich erinnere mich nicht genau, aber ich glaube auch bejubelt wird, bieten diese Interpretation an. Die Menschen haben sich sehr gefreut, dass da jemand kommt, der was tun will, das ihnen vielleicht hilft. Und ich finde es aber sehr wichtig, gerade hier zu differenzieren und einer ernsthaften Arbeit gerecht zu werden: Die Perspektive des "weissen Helden" findet in der Dramaturgie, Aussage und Kraft des gesamten Projektes keinerlei Entsprechung, haben doch vor allem Kongoles*innen als Expert*innen, Zeugen, Aktivist*innen, Rebell*innen, Anwält*innen, Angehörigen der Regierung, Bergbauexperten,  u.v.m. die Untersuchungen mitgestaltet, ermöglicht und vorangebracht. Die Rolle von Milo Rau als Initiator und Theater- und Filmemacher ist in diesem Ganzen nun einmal die Autorenrolle in Hinsicht auf die Konzeption und genreübergreifende Formgebung: Theater, Film, Webseite, Buch. Und auch diese vielen Formate sind in diesem komplexen Fall durchaus berechtigt, da ich mich schon sehr intensiv einarbeiten muss, um mir die komplexen Zusammenhänge nach und nach besser vergegenwärtigen zu können. Somit bietet das Projekt umfassendes Wissensmaterial zur Situation im Kongo, das jederzeit bei tiefergehendem Interesse abrufbar ist, da sämtliche Hearings und Interviews zu allen betreffenden Themen in ganzer Vollständigkeit auf der Webseite des Kongo-Tribunals abrufbar sind. Vollständiger also als im Film. Noch längst habe ich von dem nicht alles erfasst. Angesichts der vielen langen Beiträge von Betroffenen und Menschen, die vor Ort das ganze Geschehen seit Jahrzehnten miterleben außerdem von einer Unmöglichkeit, mit dem Kongo-Tribunal Wahrheit generieren zu können, zu sprechen, erscheint mir vollkommen an der der Komplexität der Sache geschuldeten Gründlichkeit des Gesamtwerkes Kongo-Tribunal vorbei geguckt. Hier entscheide ich mich eher für die Loyalität gegenüber einer Bevölkerung, die das Ganze mit viel Interesse und einem berechtigten Verlangen nach Gerechtigkeit aufgenommen hat, gegenüber den 60 Teilnehmer*nnen des Tribunals und der politischen Arbeit eines Künstlers als für die Loyalität gegenüber dem dokumentarischen Diskurs und seiner Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit Wahrheit zu schaffen, der in gewisser Hinsicht auch sophisticated ist. Ob am Ende und über das Tribunal hinaus Gerechtigkeit hergestellt wird ist eine politische Frage, eine Machtfrage. Sicher ist dieses Tribunal dazu nicht in der Lage. Es ist ein Schritt auf zivilgesellschaftlicher Ebene und hat einen geschlossenen Kreis von Logiken aufgebrochen. Mehr weiss ich erstmal nicht.
Die eigentliche Arbeit kann hier beginnen: Sich die Hearings anzuhören, den Film anzusehen und sich selbst einarbeiten in die Fälle, durch die es sehr gut im Detail nachvollziehbar wird, warum Massaker geschehen, warum Menschen sich bewaffnen, wer sich wie legitimiert und warum das nicht aufhört.

Und so endet der Film mit Aufnahmen aus Mutarule zu einem späteren Zeitpunkt. Standbild aus dem Film Das Kongo Tribunal ©realfictionfilme

Der Film endet zuerst mit dem Ende des Tribunals. Aber dann geht er nochmal nach Mutarule und schließt, begleitet von einer während des gesamten Films immer mal wieder leise und langsam aus dem Hintergrund auftauchenden sehr schönen Musik mit Bildern des Dorfes und dem inzwischen bewachsenen Grab der 30 Frauen und Kinder von 2014. Ein sehr schönes und würdiges Ende.

Südamerika hat das meiste Lithium

Die unglaubliche Weite der Landschaft des "weissen Goldes" Standbild aus ORO BLANCO, Link zum Filmtrailer ©HFF München (Hochschule für Fernsehen und Film)

 

Armstrong war der erste Mensch, der zum Mond geflogen ist.
Aber anstatt etwas auf dem Mond zu entdecken, hat er etwas auf der Erde entdeckt. 

Den Salar,  der wie ein Spiegel blitzte und das Licht reflektierte.

Moises Chambi Yucra, bolivianischer Salzbauer in Colchani,  arte-Produktion: Bolivien - Der Salero und das weisse Gold der Salzwüste

 

Die aus Mexioko stammende Regisseurin Gisela Carbajal Rodriguez, Studentin an der Filmhochschule in München,  macht uns mit ORO BLANCO auf ein Gebiet aufmerksam, das für den Ausbau der Elektromobilität von zentralem Interesse sein wird: Der Film bezieht sich auf den Lithiumabbau in der Hochebene der Salinas Grandes in Nordwest-Argentinien.
Alles ist weiß, wenn es um Lithium geht. Der gewonnene Rohstoff selbst und auch die Landschaft, in der das Lithium liegt, denn es sind vor allem Salzwüsten, wenn ich es richtig verstanden habe, in denen dieser Rohstoff zu finden ist.
Der Film ist nur 25 Minuten lang und zeigt vor allem Bilder von Weite: Eine karge weite helle weiß bis sandfarbene Landschaft, in der starke Winde wehn und Salz reichhaltig vorhanden ist. Lange Bilder, lang genug, um die Landschaft auch zu sehen, sich auf das große weite Bild einzulassen, den Wind zu hören und die Sandtornados. Wir schauen in wirklich lustige Lamagesichter, mit denen wir gerne viel länger verweilen würden, und es kommen einige dort lebenden Menschen zu Wort in ihrer Sorge um das Land. Im Off spricht die Filmemacherin einen Auszug aus einem Gedicht des Peruaners Eduardo Ninamango Mallqui in einer deutschen und englischen Übersetzung, das mit einer apokalyptischen Vision am Ende des Filmes endet. Es scheint, als habe sie ein besonderes poetisches Werk entdeckt, das ihr von den Protagonist*innen ihres Filmes empfohlen wurde.

im Gespräch mit Gisela Carabajal, Regisseurin von ORO BLANCO

In unserem Gespräch danach erzählt sie, dass sie lange nachgedacht hat, ob sie es überhaupt sprechen kann, da sie nicht von daher kommt, und sie kam zu dem Schluss:
„Ich dachte, ich gehöre nicht dazu, ich bin nicht eine von ihnen, ich darf das nicht. Aber anders herum gedacht: Wir erleben in Lateinamerika alle das Gleiche, und es war für mich eine Art und Weise um ganz Lateinamerika zu verbinden. Das sind wir alle“. Sie wird tatsächlich auch manchmal gefragt, warum sie denn etwas kritisiert, dass als Teil der Lösung angesehen wird, worauf sie den Fragenden antwortet, dass sie die andere Seite zeigen möchte, die nie beachtet wird, wenn so viele Menschen dafür umgesiedelt werden müssen. Im Interview dann sagt sie: "Ich glaube das E-Auto ist die größte Lüge des Jahrhunderts, aber ich will die Zuschauer nicht manipulieren."
So verstehe ich diesen Film vor allem als Auftakt zu einem Thema, das uns noch viel beschäftigen wird: Lithium wird gebraucht vor allem für die Herstellung von Elektro-Autos, Laptops und Mobiltelefonen und ist wohl einer dieser wichtigen Rohstoffe der Zukunft.

Beim EJ-Atlas gemeldete Umweltkonflikte in ganz Lateinamerika, Environmental-Justice-Atlas, CC BY-NC-SA 3.0 https://ejatlas.org/

"Lithiumdreieck" / Beim EJ-Atlas gemeldete Konflikte um Lithiumabbau in Südamerika, Environmental-Justice-Atlas, CC BY-NC-SA 3.0 https://ejatlas.org

Die Salinas Grandes liegen auf 4000 Metern Höhe in den Provinzen Salta und Jujuy. Das Gebiet wird von 6.500 Menschen in 33 indigenen Gemeinschaften aus der Gruppe der Atacameño und der Kollas bewohnt, die von Weidetieren, Kleinpflanzen und Salzgewinnung leben und zumeist keine Landtitel besitzen. Sie wehren sich gegen die geplante Lithiumförderung, fürchten um ihr Land, den hohen Wasserverbrauch und die negativen Auswirkungen auf die Salinen, auf die Umwelt und die Bevölkerung. Das ist kurz zusammengefasst die Situation, doch die Zusammenhänge werfen noch viele Geschichten und Fragen auf und in Zukunft wird es komplexer werden.
Auch der Widerstand ist nicht so einfach, nicht so homogen und verteilt sich auf große Gebiete, denn das Lithium liegt im Dreiländereck Bolivien, Chile, Argentinien, das 70 Prozent der weltweiten Lithium-Vorkommen bergen soll. Die länderübergreifende Region trägt bereits den Namen „Lithiumdreieck“.
Das deutsche Unternehmen ACI Systems GmbH befindet sich schon lange in Vorbereitungen für eine groß angelegte Lithiumförderung in Bolivien. Es gab Absprachen und Vereinbarungen mit der Regierung, die im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Evo Morales von ihm selbst gestoppt wurden.

Die Sorgen der Menschen um den nahenden Lithiumabbau sind groß. Standbild aus ORO BLANCO ©HFF München (Hochschule für Fernsehen und Film)

In der Region der Salzwüste Boliviens kam es im Oktober 2019 zu Protesten und Straßenblockaden gegen den Deal mit ACI und gegen den Abbau von Lithium. Angesichts der strategischen Bedeutung dieses Rohstoffes und dem harten Internationalen Wettbewerb wird das Geschäft in Bolivien für die Bundesrepublik von großer Bedeutung sein. Wir werden sehen, wie es weitergeht.
Die Gründe, warum Elektromobilität nicht die Rettung von Klima und Umwelt bedeuten können, wurden von Winfried Wolf in seinem Buch „Mit dem Elektroauto in die Sackgasse“ gut recherchiert und zusammengefasst, hier eine Rezension des Schattenblick.

Rassismus mit Methode und ein grossartiger Film

Die Politologin und Aktivistin Özge Pınar Sarp recherchierte über die Geschichte rassistischer Gewalt in der BRD und fand vieles, das in den Statistiken nicht auftauchte. Standbild aus DER ZWEITE ANSCHLAG, Link zum Filmtrailer ©PRSPCTV Productions

 

Rasse als Kategorie wurde mit der menschlichen Vernunft und Moral, mit der Wissenschaft, dem Kolonialismus und den Bürgerrechten in einer Weise verbunden, die dem rassistisch orientierten Diskurs und den rassistischen Praktiken der Moderne den Weg bereitete.

Linda Tuhiwai Smith, Decolonizing Methodologies

 

 

DER ZWEITE ANSCHLAG von Mala Reinhardt ist ein Film über die Erfahrungen der Opfer von rassistischen Anschlägen in Deutschland, von Betroffenen, Überlebenden, Angehörigen. Es geht einmal um die Anschläge selbst, wenn Ibrahim Arslan von der Großmutter erzählt, die ihn während des Feuers bei dem Brandanschlag in Mölln 1992 aus dem Bett nahm und in nasse Decken wickelte, bevor sie selber im Brand starb und er als Siebenjähriger überlebte. Seine Schwester, seine Cousine, seine Großmutter starben diesen für alle Opfer dieser Morde und Anschläge so plötzlichen unerwarteten Tod aus einem ganz normalen Leben heraus, der als Mord an Unschuldigen und dazu noch im Verhältnis zu den zahlreichen Opfern in Deutschland in der Öffentlichkeit zu wenig angeprangert und zynischerweise in „Diskursen“ und „Fragen, die offen bleiben“ letztendlich verdrängt wird. Bisher ging es vor allem um die Täter, ihre Namen, ihr Tun und das Bier das sie vor der Tat tranken.
Kein Wort über die Täter im ganzen Film. Das einzige was zählt, sind die Opfer und ihre Geschichte, die der Film in intensiven und langen Interviews in den Mittelpunkt stellt. Und vor allem das, was dann kam: Anschuldigungen, Verhöre, Mordverdächtigungen. Eine unfassbare Geschichte von kalter Unmenschlichkeit und rassistischem Zynismus gegenüber Verwandten von Mordopfern, wenn Osman Tasköprüs Vater jahrelang des Mordes an seinem eigenen Sohn, Osmans Bruder Süleyman beschuldigt wird, eine Tat, die der NSU im Jahr 2001 in Hamburg begangen hatte. Auch Ibrahim erlebte diese Form des Rassismus und nennt dies den zweiten Anschlag.
Mai Phương Kollath wohnte in Rostock-Lichtenhagen, als 1992 dort unter dem Beifall hunderter Schaulustiger das Sonnenblumenhaus von Neonazis in Brand gesteckt wurde.
Gülüstan Ayaz-Avcıs Verlobter Ramazan wurde im Jahre 1985 auf offener Strasse von Neonazis erschlagen. Sie war im 9. Monat schwanger. Im Krankenhaus erkannte sie ihn nicht wieder, weil sein Kopf eingeschlagen war. Ihre Geschichte und die vieler anderer, die nach und nach ihre Stimmen finden, zeigen, dass rassistische Gewalttaten in Deutschland vor der Wiedervereinigung bereits in einem Ausmaß stattfand, das in keinem Verhältnis zu dem Schweigen und der fehlenden „lückenlosen Aufklärung“ um all diese Taten steht. Der Wikipedia-Artikel Todesopfer rechtsextremer Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland zählt allein vor 1990 28 Morde von unfassbarer Brutalität auf und 13 Todesfälle bei einem Anschlag am 26. September 1980 am Haupteingang des Oktoberfests, dessen Ermittlungen erst 34 Jahre später, im Jahr 2014 wieder aufgenommen wurden.

Die einzig richtige Perspektive ist die der Opfer

Die Geschichten der Betroffenen, ihr Mitentscheiden und ihre zentrale Sichtbarkeit im Rahmen der Erinnerungskultur wurde von den Behörden unterdrückt und blieb aber auch von der Zivilgesellschaft bisher letztlich unbefragt.
Diese im Grunde wichtigste und zentrale Sicht auf die rassistische Gewalt wird hinter den Geschichten über „Beate Zschäpe, ihrer Oma, Opa, Katze“ wie Özge Pınar Sarp es formuliert, zum Verschwinden gebracht. Sie ist Politologin und Aktivistin, kam vor wenigen Jahren aus der Türkei nach Deutschland, wo sie sich u.a. bei NSU-Watch engagierte, musste aber bald feststellen, dass die Perspektive der Betroffenen auch in der deutschen Linken kaum vertreten war. Sie recherchierte über die Geschichte rassistischer Gewalt und fand vieles, das in den Statistiken zu rechter Gewalt nicht auftauchte. So kam sie mit Betroffenen zusammen und schrieb gemeinsam mit Funda Özfirat und Ebru Tasdemir das Buch "Sie haben gedacht, wir waren das“.

Es geht um die Perspektive der Opfer, der Angehörigen und Überlebenden rassistich motivierter Anschläge in der BRD. Standbild aus DER ZWEITE ANSCHLAG ©PRSPCTV Productions

Eine Initiative, die Sache selber in die Hand zu nehmen und die Stimmen der Opfer in der Gesellschaft hörbar zu machen, war dann 2014 die Idee des Tribunals NSU-KOMPLEX AUFLÖSEN, die u.a. von Ayşe Güleç und den den Betroffenen der NSU-Mord- und Anschlagserie ausgearbeitet und umgesetzt wurde.
Der Film begleitet die Protagonist*innen auf das erste NSU Tribunal im Jahr 2017, wo einige von ihnen zueinander finden und sich von nun an gegenseitig unterstützen. „Der NSU-Komplex wird dabei gedacht als ein Kristallisationspunkt strukturellen Rassismus.“ steht auf der Webseite des Tribunals NSU-KOMPLEX AUFLÖSEN, wo ich einen Kommentar finde von Robert Trafford von Forensic Architecture: „Das NSU-Tribunal war ein perfektes Beispiel dafür, wie die Zivilgesellschaft in Aufarbeitungsprozessen eine Führungsrolle übernimmt, weil der Staat auf vielerlei Art und Weise mit dem Problem verflochten ist“ (Perspective-Daily.de). Forensic Architecture ist eine unabhängige Rechercheagentur aus London, die mit ihrer besonderen Methodik, Menschenrechtsverletzungen räumlich und medial zu untersuchen und die Ergebnisse als Gegenbeweise zu staatlicher Informationspolitik aufzubereiten und in Ausstellungen und Gerichtsverhandlungen zu präsentieren, bekannt wurde.
DER ZWEITE ANSCHLAG ist in jeder Hinsicht ein großartiger Film. Der minimalistische Aufbau der Interviewsituationen gibt Raum, Luft und Helligkeit, in denen die Protagonist*innen in ihren Geschichten eine Präsenz entfalten, die uns als Zuschauer*innen mitnimmt und verstehen lässt, wonach wir viel zu wenig gefragt haben. Wohl kaum ein Zuschauer wird nicht das Gefühl haben, beim Zuhören von zum Teil jahrzehntelangen Erfahrungen hier etwas für unser Zusammenleben sehr wichtiges nachzuholen. Es geht nie um Schuld, denn die Schuld ist keine Frage. Es geht um das Berichten an die Menschen im eigenen Land. Vielleicht bekommen wir weissen Bürger*innen hier einen kleinen Eindruck davon, was es bedeutet, Anfeindungen eines täglichen Rassismus ausgesetzt zu sein.

Mala Reinhardt über die Entstehung und Wahrnehmung des Films

Die vielen sehr gut moderierten Fragen des offensichtlich aufgewühlten Publikums konnten von der Regisseurin selbst beantwortet werden, die zum Film anwesend war. Auf diese Weise hatten wir Gelegenheit noch vieles zur Wahrnehmung des Filmes in der Gesellschaft zu erfahren und auch die Fragen, die das Filmteam sich selbst gestellt hat, kennenzulernen. Mala Reinhardts Antworten fasse ich aus meiner Tonaufnahme im Folgenden zusammen:
„Wir stellten fest, dass es vieles gibt zu Rassismus und rechter Gewalt. Wenn rechte Gewalttaten passieren, wird es in dem Medien aufgegriffen, ist es präsent, aber die Perspektive der Menschen, die mit den Taten leben müssen, mit den Resultaten daraus umgehen müssen, diese Stimmen sind im Ganzen am wenigsten zu hören. Wir wollten in unserem Film auch keine Gegenüberstellung, keine Täter und Täterinnen zu Wort kommen lassen, wir wollten keine vermeintlichen Expert*innen dabei haben, die das Ganze einordnen, sondern ausschließlich diese Perspektive der Opfer in den Fokus rücken.

Mala Reinhardt mit Moderator aus dem Team der GLOBALE nach dem Film im Gespräch mit dem Publikum ©brandfilme.org

Als in Zwickau erst vor kurzem die Gedenkstätte für die Opfer des NSU eingeweiht wurde, wurden die Angehörigen nicht benachrichtigt, die Namen auf den Plaketten zum großen Teil falsch geschrieben, die Namen der Opfer wurden nicht verlesen. Viele Dinge, die die Angehörigen seit Jahren fordern, haben sich einfach wieder fortgesetzt.
Wir haben uns dann sehr viel Zeit genommen, weil die Menschen viele schlechte Erfahrungen mit Interviews gemacht hatten. Wir haben viel Zeit mit den Protagonist*innen verbracht und sind heute noch im Kontakt mit allen von ihnen. Sie fahren zum Teil mit uns zu Screenings, oder fahren auch mal alleine hin und präsentieren den Film. Als dann der Punkt kam, an dem sie das Gefühl hatten, sie können uns vertrauen, dass wir tatsächlich an ihren Geschichten interessiert sind, da ist das Eis gebrochen und wir hätten noch sehr sehr viel mehr Interviews führen können.
Wir hatten damals alle keine großartige Erfahrung damit, Filme zu machen, aber wir wollten eine sehr statische Kamera, um diese gesellschaftliche Stille, wenn es um Rassismus geht, durch die Form des Films aufzugreifen und den Protagonist*innen den Raum lassen, selbst zu entscheiden wieviel sie von sich zeigen und was sie präsentieren wollen. Es war uns klar, dass wir nicht mit Zooms reingehen, wenn es emotional wird, keine emotionalisierende Musik, die an den richtigen Stellen nochmal auf die Tränendrüse drückt, denn die Geschichten sind ja an sich schon so unglaublich, dass wir einfach einen Raum schaffen wollten, in dem sie sprechen können.

Das Wort Rassismus kam im ganzen NSU-Prozess nicht vor

Es geht ja nicht darum Ausländer und Ausländerinnen zu markieren, das sagt auch Ibrahim am Ende des Films. Wenn er in die Türkei gehen würde, wäre er Ausländer, in Deutschland ist er kein Ausländer. Rassismus ist ein Ideologie, die jeden treffen kann, das hat ja nichts mit deiner Staatsbürgerschaft zu tun.
Wir haben uns auch gefragt: Wie kann das sein, dass noch niemand die Betroffenen angesprochen hat und mit ihnen einen langen Dokumentarfilm machen wollte. Es gibt Filme, die sich einzelnen Taten widmen, aber sich diese Kontinuität des Rassismus in Deutschland anzugucken, wie kann es sein, dass unser Film das bisher als einziger macht. Dadurch kommt aber auch diese große Nachfrage. Wir haben den ganzen Film quasi selbst finanziert mit einer sehr kleinen Förderung. Dass er jetzt auf Festivals läuft und wir soviel Anfragen bekommen aus ganz Deutschland ist einfach eine Bestätigung dafür, dass wir etwas aufgegriffen haben, das wichtig ist. Vor allem auch die Reaktion von Leuten die selber Rassismus erfahren haben, die sagen, wieviel davon aus ihrem eigenen Leben spricht.
Der Film wurde wie gesagt selbst produziert und in Deutschland ist es einfach so, dass die Filmförderungsstruktur dir da wenig Chancen läßt. Wenn du keine Produktionsfirma hast, dann kriegst du keine Produktionsförderung, dann kriegst du keine Postproduktionsförderung, dann kriegst du keine Verleihförderung, dann kriegst du keinen Verlieh, dann kriegst du auch keinen Kinostart. Das ist ein in sich geschlossener Kreis. Wenn du einmal mit einem Film da nicht drin bist, kommst du da auch sehr schwer rein, was auch zeigt, wie der Film trotz der großen Nachfrage unterm Radar läuft.

Es war Totenstille im Raum und mehrere haben geweint

Wir bekommen viele Anfragen auch von Schulklassen und als er letztes Jahr seine Premiere hatte bei der DOK Leipzig wurde auch extra Bildungsmaterial für den Film angefertigt, d.h. dass man sich das kostenlos runterladen kann und den Film in der Klasse vorbereiten, zusammen schauen und dann auch nachbereiten kann. Es ist spannend, den Film vor einem jüngeren Publikum zu zeigen, weil die Ereignisse die im Film aufgegriffen werden, sagen den Schüler*innen gar nichts. Noch nicht einmal der NSU. Mölln, Rostock Lichtenhagen sowieso nicht, aber der NSU sagt ihnen eigentlich nichts. Es ist spannend die Reaktionen zu erleben, die sehr emotional sind.
Wir hatten auch ein Screenings vor 200 angehenden Polizist*innen. Es war Totenstille in dem Raum, mehrere haben geweint, es war ein sehr, sehr emphatischer Raum. Dadurch dass Ibrahim dabei war, wurden auch sehr viele Fragen direkt an ihn gerichtet.
Wir hatten den Film auch in mehreren Städten in Ostdeutschland gezeigt. Wir waren in Halle, der Film war schon 7mal in Leipzig, wir hatten ein ausgebuchtes Kino in Jena, wir waren in Dresden und in Zwickau, in Chemnitz, in Werdau, in Merseburg, in Brandenburg in Neuruppin. Es gibt ein großes Interesse und was ich festgestellt habe, dass in den kleinen ostdeutschen Städten eine ganz andere Betroffenheit zurückbleibt nach dem Film, weil dort die Konfrontation mit rechter Gewalt viel alltäglicher ist."
DER ZWEITE ANSCHLAG ist ein wichtiger Film, ein Film mit der Kraft zu verändern, der gerade, wenn er in Schulen gezeigt wird, vielleicht für die eine oder andere Entwicklung ein Anstoß sein kann. Mag die Regisseurin auch bemerkt haben, dass der Film "unterm Radar" läuft, so ist das vielleicht garnicht so schlecht, denn unterm Radar geschieht eben auch viel echtes, vielleicht sogar mehr als in den großen Sälen der gefeierten Künste.

"Dass wir ein sinnvoller Baustein zur Veränderung sein können"

Die Selbstverständlichkeit der Vielen, die sich mit viel ehrenamtlicher Arbeit bei der Globale Mittelhessen einsetzen war auffällig und beeindruckend. Es ist ein gemeinsames Projekt, das auch im Praktischen sehr gut funktioniert. Dazu Manuel Kästner in unserem Gespräch:
"Wir arbeiten hierarchiefrei, aber mit dicken Gänsefüßchen hierarchiefrei, weil unsere Struktur ist so angelegt, dass wir ein Plenum haben, auf dem gemeinsam entschieden wird. Die Filmauswahl wird von allen gemeinsam am Ende bestimmt. Ich sitze da mit einem Stellenanteil drin für die Vorbereitung und die Organisation des Filmfestivals und habe dadurch mehr Dinge im Blick, die einzelnen Schritte, die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Stand des Festivals, wodurch eine gewisse Dominanz entsteht. Das kann eine Gefahr sein, theoretisch und praktisch, aber wenn einzelne Leute dagegen steuern, dann hängt die Entscheidung nicht von mir ab. Ganz oft muss ich persönlich, auch bezogen auf meinen politischen Hintergrund, Widersprüche aushalten und Kompromisse eingehen. Filme kommen nicht rein, die ich für politisch wichtig halte, die unsere Mitstreiter*innen nicht mit tragen wollen oder können. Da finden Diskussion statt. Letztendlich steht für mich das gemeinsame Projekt im Vordergrund und dass wir uns so orientieren, dass alle das Festival mittragen. Dafür bin ich bereit, auch mal meine eigene politische Einstellung zurückzustellen, weil 20 Leute müssen in ein Wir zusammenkommen und das funktioniert seit 10 Jahren sehr gut.
Ich wünsche mir, dass die Globale weitere 10 Jahre besteht, dass wir ein sinnvoller Baustein zur Veränderung sein können, dass wir es schaffen den solidarischen Gedanken der Globale aufrecht zu erhalten und nach außen zu transportieren. Wir werden immer größer, 16 Spielorte, aber wir brauchen auch nicht größer werden, sondern es sollten mehr Globales oder Initiativen der Art entstehen."
Susanne Fasbender

Feminist Futures Festivalbericht Teil 1

„Wir sind sichtbar im Namen aller vergessenen Frauen.“

Ruhrjugend eröffnet das Feminist Futures Festival in der Zeche Zollverein

"Lasst uns voneinander kämpfen lernen!" Foto: ©2019 by brandfilme

„Als nicht-weisse, nicht-akademische Frauen waren wir lange unsichtbar. Und heute stehen wir hier und begrüßen euch. Als Aktivist*innen der Ruhrjugend, als Kanackfrauen und Kinder von Gastarbeiter*innen. Wir sind sichtbar im Namen aller vergessenen Frauen. Im Namen von Emine Bulut und im Namen Farkhundas. Wir waren zu lange ungehört, wurden zulange zerrieben zwischen bürgerlichen weissen Frauen, die unsere Stimme sein wollten und nicht-weissen Männern, die für uns sprachen - heute sind wir selbst laut! Laut für eine feministische Zukunft! Lasst uns einander zuhören und einander stärken! Lasst uns reflektieren, hinterfragen und verbessern! Lasst uns Kämpfe vereinen, statt sie zu vereinnahmen. Lasst uns voneinander kämpfen lernen! Für eine feministische Zukunft!“
„Hier und heute schaffen wir einen Raum, der über nationale, klassistische und rassistische Grenzen hinweg Feminist*innen zusammenbringt. Dieser Ort, diese Zeche ist Sinnbild für unsere Position in der Gesellschaft. Eine Sphäre der Männlichkeit einerseits. Ein Ort, den wir uns aneignen allein durch unsere Präsenz. Eine Sphäre der Lohnarbeit, ein Symbol unserer Klasse. Er symbolisiert die Gastarbeit, Einwanderung, Migration, vielleicht sogar Heimatlosigkeit. Und zugleich ist dieser Ort ein Teil Identifikation, ein Stück Zuhause mitten im Ruhrgebiet. Dieses Festival ist die einmalige Gelegenheit für uns alle, einen neuen intersektionalen und solidarischen feministischen Kampf zu organisieren. Und ja, wir wollen kämpfen. Wir wollen unsere Kämpfe nicht mehr diktieren lassen. Wir wollen eigenständig und eigenhändig kämpfen.“

Aus dem Inneren der Einwander*innen-Arbeiterklasse 

An diesem historischen Ort der Zeche Zollverein jene Stimmen zur Eröffnung des Feminist Futures Festivals erleben zu dürfen, die als Kinder von Arbeiter*innen und Gastarbeiter*innen im fossilen Kapitalismus und hier speziell im Steinkohlenbergbau einen besonderen Schwerpunkt in der antikapitalistischen Analyse eines

Kalligraphie im Ruhrgebiet

Feminismus repräsentieren, der gerade dabei ist, sich transnational zu formieren - das hat mich tatsächlich sehr gefreut. Ja, es hat mich gepackt, als sie plötzlich auf die noch leere Bühne sprangen, ihr Banner aufrollten „Rassismus tötet. Wir wehren uns!“ und ihre Stimmen erhoben. Stimmen und Präsenz von Menschen, die an der Front der Arbeit und Migration aufwuchsen. Die Aktivist*innen der Ruhrjugend repräsentieren beispielhaft die Bedeutung, die das Aufziehen der Kinder, die Haus- und Sorgearbeit-, die gesamte unbezahlte Reproduktions-arbeit für die Kapitalakkumulation und das Bruttosozialprodukt einer Gesellschaft haben. Dieser umfassende Bereich des Lebens, der es ihren Eltern und mehrheitlich den Vätern, den Arbeitern im Steinkohlebergbau, überhaupt erst ermöglichte, arbeiten zu gehen.

„Wir erkannten, dass diese Arbeit deshalb im Kapitalismus nicht bezahlt werden kann, da ansonsten das Akkumulationsmodell zusammenbrechen würde. Das heißt nicht, dass es überhaupt keinen Kapitalismus mehr geben würde, wie manche gedacht haben, nein, aber dass es auf jeden Fall viel zu teuer wäre, wenn alle Arbeit, die im Haushalt gemacht würde, bezahlt wird: Also Kinder gebären, großziehen, den Mann zu reproduzieren - wie es damals hieß -, Alte und Kranke versorgen. Wenn das alles Lohnarbeit wäre, die wie reguläre Lohnarbeit bezahlt werden müsse, dann wäre das kaum zu bezahlen und würde das ganze Modell des Kapitalismus grundsätzlich ändern.“

zitiert aus Maria Mies i.J. 2005 über die Subsistenzperspektive,  einen Begriff, den sie mit anderen Ökofeminist*innen in den 1970er Jahren mitgeprägt hatte. Transkribiert aus einem Video von Oliver Ressler.

Die Ruhrjugend hat mit ihrer authentischen und radikalen Eröffnungsrede aus dem Inneren der Einwanderer*innen-Arbeiterklasse heraus einen Punkt an den Anfang des Feminist Futures Festivals gesetzt, den wir bei aller nachfolgenden Kritik an einer insgesamt zu weissen akademischen Besetzung des Vorbereitungskreises des Festivals nicht vergessen dürfen.
Verhundertfachen wir doch einfach ihre Stimmen! Überbrücken wir doch unser quantitatives Manko - denn es hätten noch mehr, wie mir gesagt wurde, antirassistische und Schwarze Aktivist*innengruppen aus der BRD eingeladen werden müssen - und geben wir dem Auftritt der Ruhrjugend doch ein in diesem Sinne notwendiges qualitativ vielfaches Maß. „Als nicht-weisse, nicht-akademische Frauen* waren wir lange unsichtbar. Und heute stehen wir hier und begrüßen euch.“ Das ist mehr als die Minuten dieses Auftrittes. Es ist eine neue Präsenz, die den Anfang einer Wende hin zu viel mehr Migrant*innen in den inneren Kreisen unserer sozialen Bewegungen in der BRD bedeuten kann, der auch mit großem Beifall zur Eröffnung und einem überfüllten späteren Workshop der Ruhrjugend unter dem Titel: „Intersektionalisiert euch! Überforderte Linke: nicht-weiß, nicht-akademisch, nicht-links – was tun?“ beantwortet wurde. „Die Menschen sassen bis auf den Flur“ sagt eine von ihnen. Und auch mit diesem Workshop, den ich selber nicht besuchen konnte, haben sie einen Nerv getroffen.

Seit langem vermisse ich nicht-weisse und nicht-akademische Aktivist*innen in der BRD-Klimagerechtigkeitsbewegung. Ich vermisse sie als Mit-Organisator*innen, Sprecher*innen und Mit-Entscheider*innen. Wie oft höre ich: „Wir sind eine weiße Mittelklasse-Bewegung und müssen aus unserer Blase heraus.“ Sollten wir nicht diesem Problem intensiver nachgehen und dadurch auch eigene Sichtbarkeiten und festgelegte soziale Rollen innerhalb der Bewegung nach hinten stellen? Mit diesen und anderen Gedanken zu Widersprüchlichkeiten, die mich in der Klimagerechtigkeitsbewegung beschäftigen, fuhr ich zum Feminist Futures Festival. Ausgestattet mit meiner Videokamera und Tonaufnahmegerät, aufgeregt, weil ein für mich eher neues Umfeld und ahnend, dass es ein Arbeitsmarathon wird, das ich mal so zwischendurch einfüge. Das wurde es, und ich blieb alle vier Tage.

Die Sphäre des fossilen Kapitalismus feministisch beleben

Zeche Zollverein in Essen: Die Sphäre der Lohnarbeit feministisch beleben   Foto: ©2019 by brandfilme

 

„Eine fundamentale Umwälzung der Geschlechterverhältnisse würde den Kapitalismus im Mark treffen.“

So Barbara Fried vom Vorbereitungskreis in der nächsten Eröffnungsrede. Inspiriert u.a. von dem argentinischen Nationalen Frauen*treffen, das 2019 zum 34. Mal stattfindet und zu dem dieses Jahr mehr als 70.000 Frauen und Queers erwartet werden, haben die Rosa Luxemburg-Stiftung, das Konzeptwerk Neue Ökonomie und das Netzwerk Care Revolution das Feminist Futures Festival mit Teilnehmer*innen aus über 40 verschiedenen Ländern der Welt und ca. 1500 Besucher*innen ins Leben gerufen.

Eröffnungsveranstaltung im gefülltem Saal   Foto: ©2019 by brandfilme

 

 

„Was zur Zeit passiert, ist wirklich beeindruckend. So etwas habe ich in meinem Leben tatsächlich noch nicht erlebt. Die Massendimension und die politische Qualität der feministischen Bewegung, dieses neuen Feminismus auf der ganzen Welt ist absolut erstaunlich.“

Zitat Cinzia Arruzza über ihre Reisen zu internationalen Feministischen Treffen. Dabei geht es um eine antikapitalistische Schlagkraft, die Feminismus Zitat Barbara Fried: „als Gegenpol zum Angriff auf die Rechte von Frauen, Migrant*innen und LGBTIQs und vielen anderen“ in der Kombination mit „der ökonomischen Kritik an dem auf Geschlechtertrennung und geschlechtlichen Arbeitsteilung basierenden Kapitalismus“ in der Lage ist zu entfalten, so Barbara Fried weiter. Er zielt Zitat „auf das Ganze der Arbeit und hat somit auch das ganze Leben im Blick“.

„Wir wollen nicht mehr Frauen mit individueller Macht, wir wollen die Macht zurück zur Mehrheit der Menschen"

Zitat aus dem Videointerview mit Cinzia Arruzza. Sie ist Philosophin an der New School of Social Research in New York und Co-Autorin des Buches und Manifestos „Feminismus für die 99%“ (in der dt. Übersetzung im Verlag Matthes & Seitz, Berlin)

Sie gibt uns in diesem Interview eine vertiefende und auf die heutige Zeit bezogene Erklärung zur ökonomischen Analyse der reproduktiven Arbeit, spricht über die Fähigkeit des Feminismus unterschiedliche Kämpfe zu vereinen und über die Frage nach dem Klassencharakter sozialer Bewegungen. Sie spricht über die besondere Bedeutung der indigenen Kämpfe für die Umweltbewegung, über die Rolle von Männern in der Bewegung und darüber wie Feminismus sich verändert hat. Zitat: „…weniger normativ, viel offener für die verschiedenen Arten und Weisen, wie Subjektivitäten eine Rolle spielen“. Sie spricht über Feminismus als trans-feministische Bewegung, die Bedeutung der Vereinigung von Frauenstreik und Arbeitsstreik, über die Überwindung der Trennung von Theorie und Praxis und zu guter Letzt natürlich von der Ablehnung eines Feminismus der für Chancengleichheit in der Herrschaft kämpft „equal opportunity in domination“, der eben kein Problem mit Ausbeutung hat.

 

Sieh das Interview (38 min) auf Vimeo. Eine Übersetzung ins deutsche wird später folgen. (Jede Hilfe, von der Transkription zur Übersetzung bis zum Erstellen von SRT-Untertiteldateien wird gerne angenommen.)

Eine feministische Basis

Vielleicht, so denke ich, rührt daher auch der befreiende Charakter dieser feministischen Bewegung. „Das ganze Leben im Blick“. Dieser zeigte sich zum Abschluss des Festivals und in Bezug auf eine in meinen Augen notwendigerweise unbedingt offene und streitbare kommunikative Praxis einer sozialen Bewegung konkret in der Kritikfähigkeit der Veranstalter*innen. Die Kritik lautete verkürzt: Zu weiss, zu akademisch, zu sehr Mittelklasse.
Die Gruppe der Brückenbauer*innen hatte es zur Eröffnung des Festivals bereits formuliert: Sie wollten als Gruppe des Vorbereitungskreises verhindern, dass die Perspektiven von Schwarzen Frauen*, migrantischen Frauen* und Frauen* of Colour, Feminist*innen aus der Armuts- und Arbeiter*innenklasse, Queers, Queers of Colour, Trans- oder erwerbslose Aktivist*innen hinter denen weißer, bürgerlicher Mittelklassefeminist*innen, Akademiker*innen und Erb*innen zurücktreten.

Der Vorbereitungskreis sellt sich vor   Foto: ©2019 by brandfilme 2019

Und Francis speziell legte Wert auf die Präsenz von

Zitat: „Arbeiter*innenkindern, Feminist*innen aus Armuts- oder Arbeiter*innenkontexten, Prololesben, Leute die in Gewerkschaften aktiv sind. Und ich fand das garnicht so einfach und ich würde euch gerne auffordern im Laufe des Festivals selbstkritisch zu überlegen, inwieweit das eigentlich gelungen ist“.

Erfahrene Moderator*in für Großveranstaltungen Jutta  Foto: ©2019 by brandfilme 2019

Der Boden für eine selbstkritische Auseinandersetzung war gelegt und auch wenn es noch nicht richtig gelungen ist: Dass jegliche Befreiung von Teilung, Trennung und Diskriminierung auch in der Betrachtung möglicher eigenen Teilhabe im Fokus liegt, ich habe diesen Eindruck trotz Scheitern und Verfehlen gewonnen. Die ständige Überprüfung möglicher eigener Vorurteile und Prägungen sowie der eigenen Motive, warum und wofür ich etwas mache ist mir ein ohnehin verläßliches Werkzeug. Die Kritik wurde zum Abschluss zuerst auf die Bühne gebracht und dann von den beiden Moderator*innen Britta und Jutta in einer Gesamtrunde mit spontanen Redebeiträgen hervorgeholt.

Es entstand dabei eine Offenheit, die die Entwicklung zu einer vielleicht wirklich großen Bewegung, die in der Lage ist, mit all den Widersprüchen umzugehen, braucht. Feminismus sollte eigentlich die Basis und nicht ein Teil jeder sozialen Bewegung sein, wird mir in diesen Tagen klar, da es scheint, als sei hier ein gegenseitiges Versprechen zu einem ehrlicheren kollektiven Herangehen im Raum. Eine feministische Grundlage wäre vielleicht die Lösung gegen die immer wieder sich einschleichenden patriarchalen Muster in sozialen Bewegungen, die trennen, teilen, ausschließen und Wettbewerbe um soziale Anerkennungen fördern. Da ist dann insgesamt einfach mehr diffuse Angst in der Luft. Wo sich soziale Verhaltensweisen entwickeln, die Menschen, die gerne dazukommen würden, daran hindern oder sie sich „verabschieden aus geteilten Räumen“, wie Atlanta von den Brückenbauer*innen es formulierte. Das stets kritikfähige Kollektiv ist also ein Muß. Das es das hier gab, hat mir Mut gemacht und auch mich gestärkt.

Zitat: „Ich will den Gästen, den Referent*innen danke sagen, die aus dem Ausland hergekommen sind, den Weg und die Strapazen auf sich genommen haben, hierher zu kommen, um ihre Kämpfe und Strategien vorzustellen, so dass wir uns vernetzen können. Bei mir macht sich so ein kleiner Abschiedsschmerz schon breit, weil ich denke, das war viel zu kurz und ich habe ein ganz großes Bedürfnis da nochmal mehr mitzukriegen und tatsächlich über konkrete nächste Schritte nachzudenken, wie wir transnational zusammenarbeiten können, wo natürlich diese 2,3,4 Tage viel zu kurz waren.“

Als Vorschau auf die nächsten Beiträge, in denen es um die vielen Beiträge vor allem der internationalen Refernt*innen geht schließe ich Teil 1 meines Berichtes mit diesem kurzen emotionalen Wortbeitrag einer Teilnehmer*in der der Abschlussveranstaltung. Dieser Abschluss wird im letzten Teil dieses Berichtes genauer betrachtet.

Mails aus Borneo: „In Sumatra sind sogar in Palembang 76.000 Opfer“

„Jetzt gibt es riesige Proteste in Indonesien, die fordern dass die Regierung zurücktritt. Es ist mittlerweile der Regierung bekannt, das sämtliche Feuer von Unternehmen gelegt werden, aber die Namen der Firmen will die Regierung nicht preisgeben, das sorgt für riesigen Aufruhr. Tausende Studenten sind auf dem Weg in die Hauptstadt. Und vor allem weil das Anti-Korruptions-Ministerium außer Kraft gesetzt wurde.

Palangkaraya, 19. September 2019. ES PASSIERT WIEDER. Die Rauchschleier-Tragödie des Mega-Feuers 2015, bei der die Umgebung gelb wurde, könnte sich wiederholen. LAPAN Satellitendaten zeigen vom 12. bis 19. September 17.997 aktive Hotspots in allen Provinzen von Kalimantan. Der Indonesische Nationale Rat für Katastrophenmanagement (BNPB) hat festgestellt, dass 2019 in Indonesien mindestens 328.724 ha Land verbrannt werden. Seit den ersten Mega-Feuern von 1983 brannten in Borneo rund 7 Millionen Hektar Wald. Die wiederkehrenden Brände sind das Vermächtnis von 50 Jahren Entwaldung in Borneo (CIFOR). Torffeuer setzen Feinstaub (PM2,5) frei, schädliche Schadstoffe, die kleiner als Staub sind und klein genug, um in die Lunge und den Blutkreislauf zu gelangen. PM 2.5 Inhalation über einen langen Zeitraum führt zu verschiedenen gesundheitlichen Problemen; URI, Durchfall und sogar NASOPHARYNX Krebs. 10.000 Menschen in jeder Provinz von Kalimantan sind von einer Infektion der oberen Atemwege betroffen:“

Mails aus Borneo: „BORNEO BRENNT!“

Foto: Mit freundlicher Genehmigung der Ranu Walum Foundation

Diese Mail erreichte mich heute aus Indonesien, Borneo (Kalimantan):

„Eine Freundin von mir hat Aufnahmen in Borneo gemacht, ist aber schon nach einer Woche zurück, weil sie auch lungenkrank geworden ist. Das gleiche passiert in Sumatra und die Regierung schweigt und schickt keine Hilfe und es gibt jetzt die ersten großen Proteste deswegen in Jakarta. Sämtliche Flüge nach und von Borneo gestrichen. Die Leute brauchen dringend Masken, damit sie überleben können. Dafür sammeln jetzt Dayakorganisationen Geld, sonst ersticken da alle:“

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung der Ranu Walum Foundation

AUFRUF ZU KONKRETER AKTION!

http://www.ranuwelum.org/news/urgent-action-is-needed-now

Während wir unsere vier Unterkünfte in Palangka Raya für die Öffentlichkeit öffnen, gehen wir jeden Tag in Gebiete außerhalb der Hauptstadt Palangkaraya in Zentralkalimantan, diese Gebiete sind so stark von der Dunstbildung durch Waldbrände betroffen, aber nicht jeder hat Zugang zum Gesundheitsschutz und auch nicht zum Kauf geeigneter Masken. Die Luftqualität ist äußerst schlecht, aber nicht alle Menschen benutzen die richtige Maske, um sich selbst zu schützen, deshalb müssen wir, die die Möglichkeit dazu haben, #act2give, – die Masken, die wir von den Spenden erhalten haben, verteilen.

2322 Hotspots:

http://modis-catalog.lapan.go.id/monitoring/

Wir brauchen wirklich Tausende von N95-Masken, Milch, Vitamine für die Menschen hier. Wenn du hier spenden möchtest, ist der Link http://www.ranuwelum.org/donate

Oder wenn Sie mit uns persönlich darüber sprechen möchten, wie Sie sich an dieser Arbeit beteiligen können, kontaktieren Sie mich bitte, ich bin der Koordinator des Jugendgesetzes. Hier ist meine Nummer +6289623741236

Mit Partnerschaft und Zusammenarbeit ist alles möglich. Dies ist die beste Zeit zum Geben, denn wir kämpfen nicht nur für die DAYAKS oder KALIMANTAN, sondern für diesen Planeten, für uns alle!

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Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator

 

Lehrer und Unterstützer – ein Gedicht von Amir Mortasawi

(25.7.2019)

Im alltäglichen Kampf gegen den Kapitalismus

als eine Lebensweise im weitesten Sinne

mit einer erbärmlichen Betrachtung des Daseins

und einer verkümmerten Bedeutung der Liebe

habe ich besondere Lehrer und Unterstützer:

Das Storchenpaar auf der anderen Seite der Fulda

in seinem Nest auf dem hohen Gestell

die grauen Jungschwäne am Breitenbacher See

die Fischreiher auf den Fuldawiesen

die Obstbäume am Rande der Fahrradwege

die Wiesen mit ihrer Blütenpracht

die Kornfelder und Kleingärten

Menschen, die ich therapeutisch begleite

und Kinder mit ihren blühenden Phantasien

https://amirmortasawi.wordpress.com/

 

Minerva Cuevas zu Gast in Düsseldorf

©Minerva Cuevas

Auf der Alle Dörfer bleiben-Demo im Juni im Rheinischen Braunkohlenrevier lernte ich Minerva Cuevas aus Mexiko City kennen. Sie ist zur Zeit als Atelierstipendiatin in Mönchengladbach und ich besuchte sie in ihrem Studio. Erst da realisierte ich, wie umfassend und beeindruckend ihr politisches und künstlerisches Werk ist. Grafiken, Malerei, Video und Installationen: Jedem ihrer Werke wohnt ein tiefer und unmittelbarer Ausdruck sozialer Kritik inne, der die Schicht des Unwissens auf der high- definition-Oberfläche der Warenwelten aufreißt und messerscharf an die Gewalt im Produktionsablauf dieser Produkte erinnert. Dabei scheint sie mit gestalterischer Leichtigkeit vorzugehen, aber vor allem: mit großer künstlerischer Kraft.  Ich freue mich, dass sie am 7.8. einen Abend lang im Kulturcafé Solaris über ihr Werk berichten wird.

Eine mail aus Hamburg nach einem BRAND II Abend

Es war ein super Abend: der Film ist großartig (andere sagten auch “ anstrengend aber im positiven Sinn“, „sehr einnehmend“, “ unglaublich viele Perspektiven aufzeigend“, „dicht dran“, “ hat mich betroffen und wütend zugleich gemacht“ usw. usw. Einer sagte auch „Brand I fand ich besser, hier war für meinen Geschmack zu viel Kirche und Heimatmuseum drin. Trotzdem super Film“  …. Ich selbst fand ihn enorm gut gemacht, dieser Wechsel zwischen Input-Szenen und Landschaft, persönlichen Zugängen und Wissenschaft… Auf jeden Fall so, dass ich ihn nochmal gucken will irgendwann! Und ich bin schwer beeindruckt über den Aufwand, den Du da getrieben hast. Hammer.

Foto: im Hausmuseum Otzenrath Hochneukirch von Inge Broska

 

CO2-Reduktion, „Netto-Null“ und die grünen „Opportunities“

Kritischer 3sat-nano-Beitrag zu CO2-Kompensationen

Hier ansehen

Heute müssen wir aufmerksam verfolgen, welche Maßnahmen unter dem Oberbegriff Klimaschutz festgelegt werden, wie die Projekte also genau aussehen, die in die konkrete Realität hinein umgesetzt werden: In BRAND I erklärt die Biologin Jutta Kill das Prinzip der Kompensation und spricht vom „Vermächtnis des Kyotoprotokolls“, welches eine grundlegende Bedeutung für den heutigen Klimaschutz hat.

Das Kyotoprotokoll führte 1997 das Kompensationsprinzip als Basis für den internationalen Klimaschutz ein: CO2-Zertifikate und CO2-Verschmutzungsrechte wurden in ein hochkomplexes System von Projekten, die der Erstellung dieser Gutschriften dienen und in deren Rahmen es vor allem im globalen Süden zu neuen sozialen Ungerechtigkeiten und auch Landnahmen kam, eingegliedert. In den letzten 20 Jahren wurde das Prinzip immer weiter diversifiziert, es entstanden Biodiversitätszerstörungsgutschriften und auch statt der eigentlich notwendigen Erneuerung der Landwirtschaft z.B. die „Climate Smart Agriculture“ als eine Maßnahme, die Kleinbauern in Afrika zu Carbon-Tradern mit ihrem eigenen Land machen soll. Großen Lebensmittelkonzernen, die diese Projekte unterstützen, wird damit die neue, aktuell zu beobachtende „Ergrünung“ ermöglicht.

Nur wenige, darunter Jutta Kill, haben von Beginn an diese Entwicklung kritisch und mahnend verfolgt.

Am 3. Juni wurde auf  3sat ein sehr guter Beitrag über die inzwischen in weiten Bereichen des Klimschutzes zum Standard werdenden CO2-Kompensationen ausgestrahlt, in der u.a. Jutta Kill zu Wort kommt. Unbedingt ansehen und weiterempfehlen.

Für eine rebellische Stadt – Agentur für urbane Unordnung Demo am 30.4.19 in Düsseldorf

brandfilme hat am 30.4. für ein Video zur Demo „Für eine rebellische Stadt“ gefilmt und einige Gespräche geführt. Aktive der Agentur für urbane Unordnung, der Kiefernstrasse, des AK47, der Brause und ein Brief aus dem AZ in Köln äußern sich zu Gentrifizierung und Mitbestimmung im Wohnungsbau. Die Musik der Demo kam vom Tiefschwarz Kollektiv.

auf vimeo ansehen

Schattenblick – RAUB/1180: Kohlestrom und Klima – das ist kein Spiel … (SB)

Bild © Gabor Fekete

Zum Artikel bei Schattenblick

ZUM “KOHLEKOMPROMISS”:
„…indem man sich gar nicht erst eingesteht, daß die Industriestaaten eine Bringschuld gegenüber den Ländern des Globalen Südens haben. Gerade das Beispiel der rohstoffarmen Bundesrepublik zeigt, daß das Erreichte keineswegs nur auf der eigenen Hände Arbeit beruht, sondern mit Hilfe eines neokolonialistischen Welthandels erwirtschaftet wurde, der den Bevölkerungen der ressourcenproduzierenden Regionen nur einen Bruchteil dessen läßt, woraus hierzulande die stoffliche Basis industrieller Wertschöpfung gebildet wird. So erfolgte das Ende der Steinkohleproduktion nicht etwa aufgrund klimapolitischer Notwendigkeit, sondern wirtschaftlicher Erwägungen – Steinkohle wird in anderen Ländern so billig gefördert, daß sogar der Transport rund um die halbe Erde noch kostengünstiger ist, als den fossilen Brennstoff wie bisher aus dem eigenen Boden zu holen….“