BRANDSPUREN – Epilog zur Unterscheidung – Von der eurozentrischen Aneignungslogik zur Entuferung des Weltenbrandes

Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung 2022/23 der Kunstakademie Düsseldorf Naturverhältnisse. Kunst, Architektur und Politik in der Klimakrise. Organisiert von Robert Fleck und Francesca Raimondi. Die links zu den Interviews habe ich in dieser Schriftversion nachträglich hinzugefügt.
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Die Figuren (des Menschen) sind durch mächtige Wissenssysteme und Herkunftsgeschichten geprägt, die erklären, wer/was wir sind. Diese Systeme und Geschichten produzieren die gelebten und rassifizierten Kategorien der Rationalen und der Irrationalen, der Auserwählten und der Nicht-Auserwählten, der Besitzenden und der Nicht-Habenden als naturalisiert asymmetrische, rassisch-sexuelle menschliche Gruppierungen und signalisieren, wie in diesem so konfigurierten erfahrungsbezogenen Leben alle Menschen zunehmend einer Figur untergeordnet werden, die durch Akkumulation gedeiht.
Yours in the Intellectual Struggle – Sylvia Wynter and the Realization of the Living – by Katherine McKittrick in: Sylvia Wynter – On Being Human as Praxis  (in eigener Übersetzung)

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Gewaltgeschichte und Epistemologie

Ich habe einen großen, ja, epischen Titel gewählt, einen unbescheidenen Titel, der in wenigen Worten behauptet, die Entuferung des Weltenbrandes definieren zu können. Damit wirft der Titel die Frage nach dem Sprechen auf: wer spricht, wer wird gehört, wie wird gesprochen und wie z.B. wird über den Klimawandel diskutiert. Der Titel berührt damit zugleich die Frage nach Wissenswelten und danach, wer weiss, wer darf wissen. Gerade in einem akademischen Kontext wie hier ist das relevant, wobei die Kunstakademie natürlich immer die Freiheit der Kunst mit einbezieht, und so betrachte ich diesen Titel als einen performativen Akt des Sagens. Die besagte Unbescheidenheit ausgedrückt gegenüber dem allgegenwärtigen Ökozid und Genozid des Lebens auf der Erde, und es ist kein Aufhören in Sicht. Wir können womöglich nicht unbescheiden genug sein, wenn wir uns dagegen wenden wollen.
Ich schildere, warum ich der Meinung bin, dass es sehr wohl notwendig ist, sich mit der 1492 begonnen Eroberung der Amerikas sowie dem damit verbundenen Versklavungshandel genauer zu befassen, um Weltenbrand und Klimakrise zu verstehen. Naturzerstörung, Klimawandel, und die Ungleicheit der Auswirkungen der Erderhitzung stehen in direktem Zusammenhang mit der Gewaltgeschichte des aufsteigenden Kapitalismus und seinen damals entwickelten Mechanismen des barbarischen Extraktivismus von „Mensch und Natur“, vereinfacht gesagt. Es geht um ein Verständnis des Paradigmas der Kommodifizierung allen Lebens, das in jener Zeit technologisch, ökonomisch, epistemologisch und herschaftsförmig entwickelt, erforscht, mythisch aufgeladen und theoretisch manifestiert wurde. Heute haben wir es auf dem Globus täglich mit den Folgen der Erderhitzung zu tun und wiederholen das Mantra vom Erreichen des 1,5 Gradzieles ohne jene Paradigmen, die dem Klimawandel zugrunde liegen in Frage zu stellen oder überhaupt zu berühren.
Die transatlantische Umverteilungsgeschichte ging der Industrialisierung voraus, machte diese möglich (Serge Palasie, s.u.) und war für die Hegemonialität der westeuropäischen Staaten von entscheidender Bedeutung. Es geht um eine Historie, die die Kategorien menschlich und weniger-als-menschlich oder nicht-menschlich schuf, untermauerte und verbreitete, und wenn wir genauer hinsehen, können wir erkennen, dass diese Unterscheidung auch heute eine entscheidende Wirkmacht hat und es ermöglicht, das möchte ich in diesem Text ausarbeiten, dass die Ausbeutung aller Natur und allen Lebens auf der Erde ungehindert weitergeht.
Zuerst möchte ich mithilfe meiner Lektüren darstellen, wie die epistemische Umkehrung dieses bedeutenden Teils der westeuropäischen Geschichte seit 1492 aussieht, indem über die Jahrhunderte eine westlich-hegemoniale Epistemologie herausgebildet wurde, die die Gewalt hinter dieser Fortschrittserzählung, deren Leistung u.a. die „Zivilisierung wilder Völker“ gewesen sein sollte, als nicht existent auf eine Schattenseite, eine Unterseite der Geschichte verlagert. Erfolgreich und mit Macht entstand jenseits der anhaltenden Barbarei, um mit der karibischen Philosophin Sylvia Wynter zu sprechen „eine westlich-bürgerliche Konzeption des Menschlichen und des Menschen (human, Man), der sich im fortwährenden Imperativ der Sicherung seines Wohlergehens innerhalb dieser Konzeption so überrepräsentiert, als sei er das Menschliche selbst“ und eine Epistemologie, die den europäischen Gesellschaften nichts weniger attestiert als die ausschließliche Inhaberschaft der „universellen Gerechtigkeit“.
Kolonialismus ist in vieler Munde, doch in einigen, teilweise dominierenden Kontexten in der BRD wird dieses Thema gerne im Brustton angestammter Selbstgewißheit als Opferdiskurs hingestellt, als eine sich wiederholende Anklage, eine ständige Beschwerde ehemals Kolonisierter oder gar als eine modische Attitude. Das sei doch alles vorbei und nicht relevant für heute. Dabei zeugt die Ignoranz gegenüber den seit Jahrhunderten bis heute dazu weltumspannend angewachsenen, wissenschaftlichen und literarischen Schriften von einer Ahnungslosigkeit, die, ja, im Grunde genau die Epistemologie spiegelt, um die es im Folgenden geht. Im deutschsprachigen Raum müsste m.E. eine immense Arbeit geleistet werden, um einen allgemeinen Wissenskodex über das Wesen und die Bedeutung der eigenen, westeuropäischen Verbindung zu einer Gewaltgeschichte, die seit der Entstehung des Kapitalismus ihren Lauf nahm, zu etablieren.
Nachtrag: Es findet jedoch eher das Gegenteil statt: Das erfolgreiche Buch „The Weirdest People in the World: How the West Became Psychologically Peculiar and Particularly Prosperous“ (2020) des Harvardprofessors Joseph Henrich wurde auf der Leipziger Buchmesse 2023 von dem einflußreichen anti-woken Philosophen Hanno Sauer (Moral: Die Erfindung von Gut und Böse | Eine philosophische Geschichte zu moralischen Wertvorstellungen) zitiert und zu einem der wichtigsten Bücher des 21. Jahrhunderts erklärt. Die in diesem Buch zur Blüte kommende Umformung des Wortes „weird“ in: western, educated, industrialized, rich und democratic (s. Wikipedia) macht deutlich, dass eine bürgerliche Elite sich fleißig für die Bewahrung hegemonial-westlicher Epistemologie einsetzt, nicht zuletzt auch, um gegenüber der de- und postkolonialen Perspektive eine für viele Menschen sicher viel bequemere Aussicht zu bieten, der diese gerne folgen werden.

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Herein the longing of black men must have respect: the rich and bitter debth of their experience, the unknown treasures of their inner life, the strange rendings of nature they have seen, may give the world new points of view and make their loving, living, and doing precious to all human hearts
W.E.B. Du Bois, The Souls of Black Folk, 1903

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Die lange und reichhaltige Denk- und Wissenstradition afroamerikanischer, afrikanischer, karibischer und indigener Autor*innen, Wissenschaftler*innen und Widerstandskämpfer*innen, die ein intrinsisches Zusammenwirken von Moderne und Kolonialität erkennen und im Jahr 1492 einen zentralen Wendepunkt ausmachen, sind eine reiche Quelle für ein Verstehen dieser Historie.
Es sind Texte, die auf mich gewissermassen auch im emanzipatorischen Sinne befreiend wirken, da sie mir Erkenntnisse eröffnen und neue Wege, hegemonial verkalktes Denken aufzubrechen. Die Bücher führen mich in Weltgegenden wie die Karibik, die jenseits der versimpelt-touristischen Projektion eines „Sehnsuchtsortes“ ein geschichtsmächtiger Ort der Geschichte des Rassismus, von Genozid, Ökozid, von Praktiken der Rebellion, der Maroonage (Fluchtsiedlungen entflohener ehemals Versklavter) bis hin zur Haitianischen Revolution ist – ein Ort, aus dem viele stammen, auf die in sämtlichen Texten, die ich fand, immer wieder Bezug genommen wird, wie der Psychiater, Politiker, Schriftsteller und Vordenker der Entkolonialisierung Frantz Fanon, der Schriftsteller und Politiker Aimé Cesaire, C.L.R. James, die Philosophin Sylvia Wynter.

Foto: © susanne fasbender 23

Wir bekommen Zugang zu einer Lektüre, die zum einen einen breit aufgefächerten Blick auf die Entwicklung des antischwarzen Rassismus bis heute einnimmt, zum anderen aber auch Verbundenheit mit den anderen Autor*innen, Poesie und eine von Erfahrung getragene Sprache in sich trägt und ein Nachdenken darüber, was Freiheit und Emanzipation sein kann. Sie führen mich in Gegenwarten und Vergangenheiten, die ein tiefes und fundiertes Wissen zu Gewalt und Körper, zu human und less than human, zu Versklavung, Kolonialismus, Dekolonialismus, Epistemologie, Kapitalismus, Europa, Afrika, Lateinamerika und Asien umfassen.
Sie untersuchen die Kolonialität der Moderne auf der Ebene der Ökonomie und des Kapitalismus, aber darüber hinaus auch auf der Ebene des Menschseins an sich, indem ihre Analyse über die Frage nach der ausgebeuteten Arbeitskraft in Form von Zwangsarbeit hinausgeht. Es geht dabei um die Bedeutung des Zugriffes auf den ganzen Menschen, bestehend aus der Enteignung und Kommodifizierung der Gesamtheit, aus der das eigene Leben, Subjekt und Körper besteht, indem ein Mensch zu handelbarem Eigentum, das benutzt und ausgetauscht werden konnte, gemacht wurde. Dazu gehört auch der sekundenschnelle Schnitt der Gefangennahme und Verschleppung von der bekannten Erde, die absolute Trennung von der Verwandtschaft, Zurschaustellung auf Märkten und die zahlreichen Gewaltpraktiken, die sich durch die gesamte Zeit von Verschleppung, Überfahrt bis Versklavung ziehen. Auf diese Weise wurden Versklavte jenseits eines soziales Subjektseins kategorisch davon ausgeschlossen, „Mensch“ zu sein.
Es handelt sich um eine Ebene der Barbarei unter der Flagge von Fortschritt und Zivilisation, die (zugleich mit anderen Praktiken wie die der Hexenjagd und der Enteignungen in Europa) am Anfang des Kapitalismus steht und deren Untersuchung und Analyse m.E. notwendig ist, wenn wir heute sowohl von Rassismus als auch von der Zerstörung und Ausbeutung der Natur und der Kommodifizierung des gesamten Lebens sprechen, wovon inzwischen alle Ebenen der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Sphäre der Reproduktion betroffen sind und die der ökologischen Krise und ihren postulierten Lösungen zugrunde liegt. Zugleich sind Sklavenaufstände, Rebellionen und Praktiken des Widerstandes die andere Seite, die wir betrachten müssen, um die Historie um die Bedeutung der sozialen Revolution und Rebellion, des Sich-dem-Zugriff-Entziehens zu erweitern und nicht auf das Geschehen des gewaltsamen kapitalistischen Zugriffes einzufrieren.
Die in dem Zusammenhang gestellte und all humans betreffende Frage, was Menschsein und Subjektsein überhaupt bedeuten, öffnet neue Sichten und sucht nach Möglichkeiten der „Sicherung des Wohlergehens und damit der vollen kognitiven und verhaltensmäßigen Autonomie der menschlichen Spezies selbst / unserer selbst“, (Sylvia Wynter), die wir für ein lebenswertes Leben jenseits von Kommodifizierung, Klimawandel und allen anderen kapitalistisch verursachten Zerstörungen bräuchten.
Indem unser westliches Denken aber der Hegemonialität des Empires verhaftet ist, verortet unser Denken diese reiche Wissenstradition außerhalb „unseres“ Wissenskanons, ver-andert sie, wie man so schön sagt und kann diese reiche Denk- und Wissenswelt nur als Differenz verstehen, nur in einem Verhältnis zur „eigenen“, „eigentlichen“ Wissenswelt, womit, um mit Sylvia Wynter zu sprechen, Frantz Fanons Verdammte in dieser Perspektive immer auf der Seite des Nicht-menschlichen verbleiben. Dabei ist zu betonen, dass es ihnen nicht darum geht, in einen Kanon „aufgenommen“ zu werden, sondern darum, ihn aufzubrechen.
Sylvia Wynter ist eine jamaikanische Schriftstellerin, Dramatikerin, Philosophin und Essayistin, geboren 1928, die in ihrem Werk Erkenntnisse aus den Natur- und Geisteswissenschaften, der Kunst und dem antikolonialen Kampf miteinander verbindet, um das, was sie als „Überrepräsentation des ethno-klassichen, westlich bürgerlichen Menschen, der sich überrespräsentiert, als sei er das Menschliche an sich“ bezeichnet, zu erschüttern, aufzubrechen.
Christliche Theologie, säkulare Philosophie und Wissenschaften seien Epistemologien, die unter europäischen Monarchien und Nationalstaaten entstanden sind und als universal gültiges Wissen geformt wurden. Sie stellen laut Sylvia Wynter ein Glaubenssystem dar, das sie in ihrer umfangreichen Analyse der Entwicklung europäischen Wissens und Denkens als Naturalisierung von Denkweisen offenlegt, die einen unerschütterlichen Glauben an diese Denkweisen und seine Prinzipien und Regeln des Wissens geschaffen haben und zugleich eine Verpflichtung zu einem epistemologischen Traktat festgeschrieben haben.

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Der vitruvianische Mensch, Leonardo da Vinci, public domain, via wikimedia commons

Mit dem vitruvianischen Menschen/Mann, (1492, lt. wikimendia) hat Leonardo da Vinci  ein machtvolles Symbol für ein Menschenbild geschaffen, in dem der Mensch/Mann über die Darstellung einer vollendeten Symmetrie menschlicher Proportionen die Quadratur des Kreises  repräsentiert.

 

 

 

 

 

 

 

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NASA, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Erforschung der Sonne und die Entwicklung von Techniken zur Überwachung der Ressourcen der Erde werden in diesem, an den vitruvianischen Menschen angelehnten Emblem für die zweite bemannte Skylab II-Mission 1973  symbolisiert.  Die Zeichnung wird von zwei Halbkugeln überlagert. Die linke Halbkugel zeigt die Sonne, wie sie in dem von den Wasserstoffatomen in der Sonnenatmosphäre abgestrahlten roten Licht vom Raumschiff aus zu sehen sein wird. Die rechte Halbkugel soll auf die Untersuchungen der Erdressourcen hinweisen, die auf Skylab durchgeführt werden sollten.

 

 

 

 

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Das hier zitierte Buch, das mit Katherine McKittrick entstand, enthält Aufsätze von anderen Autor*innen über ihr Denken und ein Gespräch mit Sylvia Wynter.

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Ihr Werk befasst sich mit der Art und Weise, wie in diesem Zusammenhang unser spezifisches Konzept des Menschlichen, des Menschen – einschränkend wirkt auf alternative Modelle des Seins, auf die ganze Fülle der Möglichkeit unserer miteinander verbundenen menschlichen Verwirklichung.
In dem Projekt (dieses Buches) geht es darum, wie unsere lange Geschichte der rassistischen Gewalt fortfährt, unser Leben und unsere antikolonialen und dekolonialen Kämpfe zu bestimmen. Die Arbeit denkt darüber nach, wie die Figur des Menschen zu dem Maßstab wurde, an dem alle anderen Formen des Seins gemessen werden. Sie will Systeme rassischer Gewalt und die dazugehörigen Wissenssysteme, die diese rassische Gewalt als „Common Sense“ produzieren, ethisch hinterfragen und rückgängig machen. Es geht nicht um Schmähung und nicht um Ersetzung des Mensch-als-menschlichem durch eine aufstrebende Figur; vielmehr geht es um eine Gegenströmung einer neuen Wissenschaft des Menschseins und den emanzipatorischen Bruch, den Wynters Arbeit bietet. Die Autor*innen beziehen sich auf Sylvia Wynters Schriften und fordern uns auf, darüber nachzudenken, auf welche Weise diejenigen, die gegenwärtig die Unterseite der Kategorie „Mensch als Menschlich“ bewohnen – unter unserem gegenwärtigen epistemologischen Regime diejenigen, die als verarmt und kolonisiert und unerwünscht und ohne Vernunft ausgestoßen werden -, diejenigen sind, die einen Weg bieten können, neu über das Menschsein nachzudenken, und dies auch tun. Menschsein ist in diesem Zusammenhang kein Substantiv, sondern ein Verb. Menschsein wird verstanden als eine Praxis des Menschseins, die nicht in der statischen Empirie der Unangepassten und Unterdrückten verharrt und (nicht) die am stärksten Marginalisierten in die koloniale Kategorisierung der Unterdrückung einsperrt.
Indem gegenwärtig der Mensch als rein biologischer Mechanismus verstanden wird, der einem ökonomischen Skript untergeordnet ist, – ein Skript, dessen Makro-Ursprungsgeschichte die Heldenfigur des homo oeconomicus, der die Akkumulation im Namen der Freiheit normalisiert, verkalkt. Das Kapital wird somit als die unverzichtbare, empirische und metaphysische Quelle allen menschlichen Lebens projiziert und aktiviert so semantisch die Neurochemie des opiatartigen Belohnungs- und Bestrafungssystems unseres Gehirns, um entsprechend zu handeln.
Yours in the Intellectual Struggle – Sylvia Wynter and the Realization of the Living by Katherine McKittrick in: Sylvia Wynter On Being Human as Praxis (in eigener Übersetzung) Durham and London 2015

Der peruanische Soziologe Aníbal Quijano forscht über die weltweiten Auswirkungen eurozentrischer Denkmuster und prägte den Begriff der „Kolonialität der Macht“

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Die Europäer redeten sich jedoch ab der Mitte des 17. Jahrhunderts, aber vor allem im 18. Jahrhundert ein, dass sie sich als Zivilisation unabhängig von der mit Amerika begonnenen Geschichte nicht nur irgendwie selbst hervorgebracht hätten und den Höhepunkt einer unabhängigen Linie bildeten, die mit Griechenland als einzigem originären Ursprung begonnen hatte. Sie schlussfolgerten auch, dass sie allen anderen von Natur aus (das heißt hinsichtlich ihrer raza) überlegen waren, denn sie hatten ja alle erobert und ihnen ihre Herrschaft aufoktroyiert… … so dass alles Nicht-Europäische als Vergangenheit wahrgenommen wird.“
Kolonialität der Macht, Eurozentrismus und Lateinamerika, Aníbal Quijano / Turia + Kant (der Originaltext wurde i.J. 2000 veröfentlicht)

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Für ihr Buch „Lose your mother“ reiste die afro-amerikanische Schriftstellerin Saidiya Hartman nach Ghana, um der innerafrikanischen Route der versklavten Vorfahren nachzugehen.

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I wanted to engage the past, knowing that its perils and dangers still threatened and that even now lives hung in the balance. Slavery had established a measure of man and a ranking of life and worth that has yet to be undone. If slavery persists as an issue in the political life of black America, it is not because of an antiquarian obsession with bygone days or the burden of a too-long memory, but because black lives are still imperiled and devalued by a racial calculus and a political arithmetic that were entrenched centuries ago. This is the afterlife of slavery – skewed life chances, limited access to health and education, premature death, incarceration, and impoverishment. I, too, am The afterlife of slavery.
Impossible to fathom was that all this death had been incidental to the acquisition of profit and to the rise of capitalism. Today we might describe it as a collateral damage. The unavoidable losses created in pursuit of the greater objective. Death wasn’t a goal of its own but just a by-product of commerce, which has had the lasting effect of making negligible all the millions of lives lost. Incidental death occurs when life has no normative value, when no humans are involved, when the population is, in effect, seen as already dead.
Lose Your Mother, Saidiya Hartman / Farrar, Straus and Giroux, 2007, S. 6 und S. 31
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Angela Davis, Saidiya Hartmann, Hortense Spillers und andere Autor*innen haben die Analyse über die besondere Bedeutung der versklavten Frau umfassend erweitert. Sie, die als Eigentum gehandelt wurde, hatte kein Recht auf das eigene Kind, musste neue „Sklaven“ gebären, die das Eigentum des Plantagenbesitzers waren. Es liegt darin eine extreme Gewaltförmigkeit der Verdinglichung der Gebärfähigkeit der Frau und ist für eine feministische Analyse der Gewalt gegen Frauen bedeutend.
Die Kulturwissenschaftlerin und Philosophin Iris Därmann berührt in dem Buch „Undienlichkeit-Gewaltgeschichte und politische Philosophie“ (Matthes & Seitz, Berlin, 2020) tief die Gewaltpraktiken der Körperschauen auf den Sklavenmärkten und bezieht sich auf die in der außereuropäischen atlantischen Geschichtsschreibung zum Kanon gehörenden historischen Berichte damaliger Zeitzeugen und ehemaliger Versklavter. Ein langer Artikel widmet sich der sogenannten „Sklavenzucht“, zu der Frauen auf das unerträglichste gezwungen wurden und deren Praktiken des Widerstandes, die sie trotz der eingeschränkten Möglichkeiten bis in den eigenen Tod hinein der Terrorisierung ihrer Körper oft vorzogen, einsetzten. Iris Därmann legt offen, wie Eigentums- und Warencharakter mit den Gewaltpraktiken, der Kommodifizierung, Verdinglichung und Animalisierung von Menschen den terrorisierten Körpern direkt in die Haut eingeschrieben wurde.
Die Sozialwissenschaftlerin Claudia Brunner arbeitet den Zusammenhang von Macht, Wissen und Gewalt mit den Schriften vieler post- und dekolonialer sowie feministischer Autor*innen heraus und kommt zu folgendem Schluss:

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Aus der hier eingenommenen Perspektive ist dem Narrativ einer sich linear entwickelnden Gewaltabstinenz der Moderne und deren Eignung als glaubwürdige gewaltfreie Überbringerin von Demokratie, Menschenrechten, Aufklärung und Emanzipation entschieden zu widersprechen. Obwohl (auch aus westlichen) kritischen Wissenschaftstraditionen immer wieder herausgefordert, hält sich dieses Narrativ hartnäckig und trägt zur Aufrechterhaltung existierender Herrschaftsordnungen bei – insbesondere wenn es um die Analyse direkter physischer Gewalt im Kontext internationaler Politik geht. Es reicht weit in die Wissenschafts- und Gewaltgeschichte der Menschheit zurück und prägt gesellschaftliche Verhältnisse bis heute.
Epistemische Gewalt, Claudia Brunner, transcript Bielefeld, 2020

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Von der eurozentrischen Aneignungslogik …

Die US-amerikanischen Historiker Marcus Rediker und Peter Linebaugh schildern in „Die vielköpfige Hydra – die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantik“ die Geschichte des Kampfes zwischen Revolte und Herrschaft im aufsteigenden Kapitalismus. Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus war eine Zeit der gewaltigen Umstrukturierung und Durchsetzung des Privateigentums, das sich gegen die bestehenden kollektiven Strukturen der Bevölkerung durchsetzen musste, womit deutlich wird, dass die Klasse der Arbeitenden überhaupt erst geschaffen werden musste.
Der atlantische Dreieckshandel, in dem Güter, Rohstoffe, enteignete Engländer*innen als Seeleute und aus Afrika verschleppte Menschen für die Versklavung zwischen Westafrika, den Amerikas und Westeuropa zirkulierten, nahm 1492 mit der Eroberung der Amerikas seinen Anfang und schuf im Laufe der Jahrhunderte einen nie dagewesenen Reichtum, der den Grundstein für die heutige Weltordnung legte und die westeuropäischen Staaten in ihrer heutigen Form erst hervorgebracht hat.
Ich beziehe mich auf ein Interview, das ich 2020 mit Serge Palasie gemacht habe. Er ist Afrikanist und arbeitet beim Eine Welt Netz NRW. Er befasst sich mit der transatlantischen Umverteilungsgeschichte und ihren Folgen für die Gegenwart und macht seit vielen Jahren dazu Bildungsarbeit. In zwei ausführlichen Interviews erklärte er die historische Bedeutung des transatlantischen Versklavungshandels und dessen ökonomisches Erbe.
Nach Serge Palasie war dieser Prozess mit geschätzten 60 Millionen Afrikaner*innen, von denen 16 Mio überlebt hatten, die größte Zwangsmigration der Geschichte, aber auch das größte Geschäft aller Zeiten, das sowohl den Rassismus schuf, die Unterscheidung in Schwarze und weisse Menschen, die es vorher so nicht gab und erst danach, als die Plantagenökonomie durch die Erfindung der Dampfmaschine in die Industrialisierung überging, wurde die Abschaffung des Versklavungshandels auch ökonomisch möglich. Serge Palasie erklärt diese Geschichte in zwei ausführlichen Interviews, die bis in die heutige Zeit reichen. Der transatlantische Versklavungshandel und die europäische Moderne Interview Serge Palasie
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Einhegungen waren ein englisches Phänomen, in dessen Zuge Landbesitzer*innen und wohlhabende Bäuer*innen und Bauern kollektive Landflächen umzäunten, dem Gewohnheitsrecht ein Ende bereiteten und die besitzlosen Kleinbäuerinnen und -bauern hinauswarfen, deren Existenz von dem Land abhing. Derselbe Prozess der Vertreibung der Bauernschaft und Kommerzialisierung von Land ereignete sich in Frankreich und anderen Teilen Westeuropas durch Steuererhöhungen.
Hexenjagd, Silvia Federici, Unrast Verlag 2019

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Silvia Federici erkennt eine Verbindung zwischen der Auflösung kollektiver Machtverhältnisse und der Verteufelung einzelner Mitglieder der betroffenen Bevölkerungsgruppen, was die Hexenjagd zu einem effektiven Instrument der ökonomischen und sozialen Privatisierung machte. In „Caliban und die Hexe“, und in dem ergänzenden Buch „Hexenjagd“, untersucht sie, wie der Sklavenhandel und die Auslöschung der indigenen Völker in der Neuen Welt sowie die Hexenverfolgung am Scheideweg einer Reihe von gesellschaftlichen Prozessen steht, die der modernen kapitalistischen Welt den Weg bereitet haben. (s.a. Maria Mies, Patriarchat und Kapital)
In „Die vielköpfige Hydra“ schildern die Autoren ausführlich: Mithilfe der Einhegungen in England enstand eine grosse Zahl enteigneter ehemaliger Bäuer*innen, verarmter Menschen und Schuldknechte, die dazu gezwungen wurden, auf den für den transatlantischen Handel bedeutenden Schiffen zu arbeiten. Hierfür wurden sie oft einfach eingefangen. Das nannte man Presstrupps, die durch die Gegend zogen, Menschen einfingen und auf die Schiffe brachten. Dort, sowie für den Bau der damals an den Küsten neu enstehenden Häfen und Prachtbauten wurden sie als Sklav*innen oder billigste Arbeiter*innen ausgebeutet. Dabei kamen aber auch unterschiedlichste Menschen auf den Schiffen zusammen, tauschten ihre Erfahrungen und ihr Wissen aus, lernten und konnten sich solidarisieren.
Rediker und Linebaugh beziehen sich auf politische Philosophie und die Mythen, die im Kampf gegen zahlreiche Rebellionen auch diesseits des Atlantiks in Europa geschaffen wurden: Das Bild des griechischen Helden Herkules wurde als Symbol von Macht und Ordnung auf Geheiß von Herrschern auf Münzen und Siegeln, in Bildern und Skulpturen, Palästen und Triumphbögen eingebaut. Vor dem Hintergrund seiner mythischen Heldentaten sollte sein Bild für wirtschaftliche Entwicklung in Form von Kahlschlag, die Trockenlegung von Sümpfen, die Entwicklung der Landwirtschaft, die Domestizierung von Vieh, die Einführung des Handels und der Technologie stehen. Dieselben Herrscher fanden in der vielköpfigen Hydra, der sofort ein neuer Kopf nachwuchs, nachdem der eine abgeschlagen war, die Herkules in der Sage besiegt hatte, ein antithetisches Symbol für Unordnung und Widerstand als eine gewaltige „häßliche“ Bedrohung für den Aufbau von Staat, Imperium und Kapitalismus. Die Autoren schildern, dass vom Anbeginn der englischen Kolonialexpansion im frühen 17. Jahrhundert Herrscher die Sage von Herkules und der Hydra heranzogen, um zu beschreiben wie schwierig es war, die zunehmend weltumspannend angelegten Arbeitskraftsysteme gegen den Widerstand der Bevölkerung in eine Ordnung zu zwingen.
Zum einen wurde also aus dem Atlantik eine Zone der Kapitalakkumulation gemacht, zum anderen begannen die Seeleute, sich mit anderen zusammenzutun und eine radikale Seefahrertradition zu begründen, die den Atlantik gleichzeitig zu einer Zone der Freiheit machte. Verschleppte Afrikaner*innen kamen mit Arbeitskräften aus England und Irland zusammen und es kam zu gemeinsamen Aufständen. Während der Sklavenhandel mit der Zeit immer profitabler wurde, bildete sich eine Piraterie heraus, die die Meere unsicher machte. Das Leben als Pirat versprach zwar vielleicht kurz zu ein, aber es war auch von dem Anspruch auf Gleichheit unter den Seeleuten geprägt. Besonders interessiert waren Piraten an den für die transtlantische Überfahrt zuerst in Westafrika ankommenden Schiffen. Mit Tauschwaren und Nahrungsmitteln waren sie vollbeladen für den Verklavungshandel. Die Piraten hielten sich über fast das gesamte 17. Jahrhundert und wurden für das aufstrebende Kapital zu einem ernsten Problem.

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Bereits in den 1540er Jahren hatten Gruppen von mehreren hundert geflüchteten Sklaven ihre eigenen Fluchtsiedlungen, in wehrhafter Distanz zu den spanischen Kolonisten, in Mexiko, Kuba und Saint-Domingue, errichtet. Mit der dramatischen Zunahme des transatlantischen Sklavenhandels seit dem 17. Jahrhundert nahmen auch die Maroon Societies in Süd- und Zemtralamerika, in Brasilien und Kolumbien sowie auf einigen kleineren Karibischen Inseln an Zahl und Größe zu. Dem aus zehn Quilombos bestehenden Königreich Palmares, das 1605 in den Hügeln von Serra de Barriga im Nordosten Brasiliens von Maroons, freigeborenen Afrikanern und Einheimischen gegründet wurde und bis 1694, fast 100 Jahre, Bestand hatte, wurde auf dem Höhepunkt seiner föderalen Machtentfaltung nachgesagt, 20000 bis 30000 Mitglieder stark gewesen zu sein.
Undienlichkeit-Gewaltgeschichte und politische Philosophie, Iris Därmann, Matthes & Seitz, Berlin, 2020

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Auf den Plantagen kam es zu multirassischen Aufständen. Um diese zu kontrollieren, wurden fortlaufend neue, bewusst spalterische Gesetze, eine „Akkumulation von Unterschieden“ (Federici) geschaffen, die die Menschen durch Lohn und Strafsysteme spaltete. Englische Arbeiter wurden als Aufseher über Schwarze gestellt und es ist anerkannt, dass auf diese Weise der Farbmarker, wie Serge Palasie es beschreibt, entstand und diese Unterscheidungen die Phase der Entstehung des antischwarzen Rassismus bedeutete. Das führte zu einer Wahrnehmung, die Schwarze damals für immer mit der Sklaverei verband, während weisse entlaufene ehemals Versklavte als solche unerkannt bleiben konnten.
Im Jahr 1791 kam es zur Haitianischen Revolution: Der 1901 in Trinidad geborene Schriftsteller und Journalist C.L.R. James schrieb ein bedeutendes Buch über die im westlichen Wissen viel zu wenig beachtete

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glorreiche Geschichte des dritten bedeutungsvollen Ereignisses im Jahrhundert der Revolutionen (nach der amerikanischen und der frannzösischen): die einzigartige und meisterhafte Haitianische Revolution, die dem Sklavenhandel entschieden Einhalt gebot, die erste freie Nation des amerikanischen Kontinents in der Weltgeschichte bildete und nebenbei die drei mächtigsten Armeen Europas niederschlug (Spanien, England und Frankreich).“
Raoul Peck im Vorwort von: Die schwarzen Jakobiner, C.L.R. James,  Dietz Berlin

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Industrialisierung und Kolonisation – ein kurzer Abriß

Serge Palasie führt aus, wie der Sklavenhandel weniger aus „Menschlichkeit“, als aus wirtschaftlichem Kalkül abgeschafft werden konnte. Er erklärt in dem Interview, dass die Erfindung der Dampfmaschine die Plantagenökonomie überholte und der in den Jahrhunderten davor entstandene Reichtum die Investitionen in die Industrialisierung als Grundlage des fossilen Wirtschaftens möglich machte. Die damit immer größere Abhängigkeit von Rohstoffen „erforderte“ den kolonialen Zugriff auf außereuropäische Gebiete. Afrika wurde Ende des 19. Jahrhunderts unter den westeuropäischen Mächten aufgeteilt und kolonisiert. Der Zugriff auf das gold- und rohstoffreiche Afrika sollte den westeuropäischen Saaten erhalten bleiben.
Der Völkermord an den Herrero und Nama wird von der deutschen Regierung bis heute nicht als Völkermord anerkannt. 60% des Landes Namibia gehört Deutschen. Die Entwicklung bis zu den komplexen Zusammenhängen der heutigen sog. Entwicklungszusammenarbeit wird im 2. Teil des Interviews mit Serge Palasie gut ausgearbeitet. Interview Serge Palasie Teil 2: Von der Abschaffung der Versklavungsökonomie zur kolonialen Kontinuität
Die Erderhitzung wird durch diese Linse als die letzte Stufe dieser akkumulativen fossilen kapitalistischen Wirtschaft erkennbar.
In „Scenes of Subjection“ schildert Saidiya Hartman, mit welchen Mechanismen nach der Abschaffung der Sklaverei eine Zurichtung der Nachfahren der Versklavten zu Feinden der weißen US-Mehrheitsgesellschaft stattfand und zeichnet nach, wie dies zu einer zentralen Triebkraft der weiteren rassistischen Gewaltverhältnisse wurde.
Im ersten und zweiten Weltkrieg mussten zigtausende afrikanische Soldaten als Kolonialsoldaten kämpfen und wurden sogar von den Siegesfeiern ausgeschlossen. Afrikanische Dörfer sollten nach dem Krieg spenden für Deutschland. Ein ausführliches und langes Interview in zwei Teilen über das europäisch-afrikanische Verhältnis gab mir der nigerianische, in Köln lebende Umweltaktivist Peter Emorinken Donatus. Er ist freier Journalist, eine wichtige Stimme in der dekolonialen Umweltdebatte, Mitbegründer und Sprecher des Bündnis Ökozidgesetz. In den 90er Jahren vertrat er den berühmten Bürgerrechtler Ken Saro Wiwa in Deutschland, der im Jahr 1995 wegen seines Kampfes für die Ogoni-people gegen das Ölunternehmen Shell hingerichtet wurde. Peter Emorinken Donatus erhielt im Jahr 2022 den Panterpreis.  Hier geht es zu den zwei langen Interviews

 

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Deutschland hat seine Kriegsverbrechen freilich nicht vollständig wiedergutgemacht. Die der besiegten Nation auferlegten Reparationen sind nur zum Teil eingetrieben worden, denn die betroffenen Nationen haben Deutschland in ihr antikommunistisches Verteidigungssystem einbezogen – aus derselben steten Besorgtheit, die die kolonialistischen Länder auch veranlaßt, ihre alten Kolonien in das westliche System einzuspannen oder, wen das nicht gelingt, ihnen Militärbasen abzuringen und sie in Knechtschaft zu halten. Sie sind übereingekommen, ihre Forderungen im Namen der NATO-Strategie, im Namen der freien Welt zu vergessen. Und man konnte förmlich sehen, wie ein Regen von Dollars und Maschinen über Deutschland niederging. Ein erstarktes und mächtiges Deutschland war eine Notwendigkeit für das westliche Lager. Das richtig verstandene Interesse des sogenannten freien Europa forderte ein wiederaufgebautes, prosperierendes Deutschland, das fähig wäre, als erstes Bollwerk gegen die roten Horden zu dienen.
Frantz Fanon, die Verdammten dieser Erde, erstmalig erschienen 1961

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Und was geschieht 1950? Der Westen wird uns nun neokolonial und damit mimetisch re-inkorporieren, indem er uns sagt, dass das Problem mit uns nicht darin bestand, dass wir imperiell untergeordnet waren, nicht darin, dass wir sowohl soziokulturell dominiert als auch wirtschaftlich ausgebeutet wurden, sondern dass wir unterentwickelt waren. Der Westen sagte: „Oh, nun, sei nicht länger ein Eingeborener, sondern komm und sei ein Mensch wie wir! Become homo oeconomicus!“ Der einzige Weg, wie wir entwickelt werden könnten, so sagte man uns weiter, sei, den Plänen ihrer Ökonomen zu folgen.
Unparalleled Catastrophe for our species? Katherine McKittrick and Sylvia Wynter in: Sylvia Wynter – On Being Human as Praxis  (in eigener Übersetzung)

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1945 wurden die Weltbank und der IWF gegründet und das Entwicklungssystem geschaffen, das mit Krediten und Strukturanpassungsprogrammen die afrikanischen Länder in Schulden und damit in neue Abhängigkeiten führte.

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 … zur Entuferung des Weltenbrandes

UNESCO-Welterbe Okavangodelta, photo: Justin Hall from Culver City, USA, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons

Auf dem afrikanischen Kontinent werden aktuell in 48 von insgesamt 55 afrikanischen Ländern Projekte zum Ausbau fossiler Energien – zum größtem Teil von ausländischen Unternehmen – verfolgt und finanziert. Seit 2017 wurden in Afrika 886.000 km2 für neue Öl- und Gasexplorationen genehmigt – eine Fläche größer als Frankreich und Italien zusammen. Dabei entfällt auf afrikanische Unternehmen weniger als ein Drittel der Einnahmen. Es wurden neue LNG-Terminals mit einer Gesamtkapazität von über 87 Millionen Tonnen pro Jahr entwickelt. Das Ganze bedeutet aber keine Verbesserung des Energiezugangs für Millionen von Afrikaner*innen, denn die Explorationen sind hauptsächlich für den Export nach Europa und Asien geplant.
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Ina Maria Shikongo ist die Tochter eines namibischen Freiheitskämpfers und ehemaligen SWAPO-Generals. Im 2. Teil eines Interviews, das sie mir im Jahr 2022 gab, spricht sie über die Umweltverbrechen der internationalen fossilen Brennstoffindustrie in Afrika, an denen westliche Staaten und Konzerne beteiligt sind, um ihre Rohstoffbasis zu sichern, sowie über die aktuellen groß angelegten Fracking-Aktivitäten des kanadischen Unternehmens ReconAfrica im Unesco Weltkulturerbe des Okavangodeltas.  Interview mit Ina Maria Shikongo

 

Diese Entwicklungen machen den ungebrochenen aktiven fossilen Ausbau mehr als deutlich, der uns immer tiefer in die Klimakatastrophe treibt und zeigen zugleich, dass Rohstoff-Extraktivismus mit sozialer Zerstörung einhergeht, mit dem Zugriff auf Lebens-Biosphären menschlicher Gemeinschaften, Tieren und Biodiversität, auf über Jahrhunderte entwickelte Landwirtschaften, die in der fossilen Extraktionsindustrie vernichtet werden. Im Okavangodelta allein sind 200.000 Menschen der indigenen Gruppe der SAN, die die ersten ursprünglichen und indigenen Bewohner*innen in dieser Gegend betroffen.
Menschen, die z. B. wegen des Steinkohleabbaus in Kolumbien vertrieben wurden, berichteten davon, dass sie aus einem am Fluss gelegenen Dorf in einer völlig trockene Gegend Hütten ohne jeglichen Zugang zu Wasser bekamen, so dass Kinder verdurstet und gestorben sind. Narlis Guzmán ist Aktivistin und Menschenrechtsverteidigerin und lebt am Abbaugebiet des größten Steinkohletagebaus Lateinamerikas, El Cerrejón, der 16 mal so groß ist wie der Tagebau Garzweiler in NRW. Sie berichtete mir in diesem Interview im Jahr 2018 von den sozialen und ökologischen Auswirkungen und Schäden, unter denen sie leiden müssen, bis hin zu den zahlreichen Morden an kolumbianischen Umweltaktivist*innen. Ganz direkt fragt sie Deutschland nach seiner Verantwortung für die Steinkohleimporte aus ihrem Land. Heute will Berlin noch mehr Kohle aus der Mine El Cerrejón importieren.   Hier geht es zum Interview

 

Denn, wenn das ganze kein Ende nimmt und immer weiter wie selbstverständlich Millionen Menschen vertrieben werden aus rohstoffhaltigen und noch unzerstörten Naturgebieten für fossile und andere Extraktivismusprojekte oder Kompensationsprojekte, die sich ja als Lösungen gegen den Klimawandel geben, wie sie in die Großstädte getrieben werden, um dort als billigste Arbeitskräfte zu überleben, wenn die Überschwemmungen in Pakistan, bei der 30 Mio Menschen ihr Obdach verloren haben und die Überschwemmungen im Niderdelta, in denen sich das Überschwemmungswasser mit dem überall tief in der Erde versickerten Öl, das Shell nicht bereit ist, zu beseitigen, vermischt und nun Erdölwasser Dörfer überschwemmt, nur wenige Artikel wert sind, die du aktiv suchen musst, dann gibt das zu denken. Gemeinschaften werden weltweit durch Megaprojekte vertrieben, wie z.B. dem ‚Tren Maya‘ in Mexiko, einer Zugstrecke an der die DB beteiligt ist, die unter Kontrolle des Militärs duch ein riesiges Gebiet im Süden Mexikos geführt wird, um die dort zugleich errichteten neuen Industrien miteinander zu verbinden, womit die ganze Gegend und deren bäuerliche, teilweise kollektive Lebensweise kapitalisiert wird, um die Menschen in die Industriearbeit zu zwingen. Dazu gehören auch die Zapatistas, die als ehemalige Leibeigene mithilfe einer Revolution 1994 ihr Land zurückgewonnen hatten und eine autonome Lebensweise schufen. Es ist Teil des ‚Tren Maya‘ Plans, diese revolutionäre und sich vom Staat unabhängig gemachte Gesellschaft ihrer Autonomie zu berauben. Das gilt auch für die türkische Invasion in Nord und Ostsyrien in den kurdischen Autonomiegebieten. Sie haben eine jahrzehntelange Entwicklung der Frauenbefreiung und im Rahmen des demokratischen Konföderalismus ein System autonomer Frauenorganisation geschaffen, das weltweit vorbildlich ist. Die aktuell massive türkische Bombardierung wird von der deutschen Regierung nicht verurteilt, die auch nichts dagegen hat, dass deutsche Unternehmen Waffen an die Türkei liefern.
Wenn die Menschen, die sich auf die Flucht vor Vertreibung und Klimawandel begeben, im Meer ertrinken, und deren Rettung aber unter Strafe gestellt werden kann und sie von Frontex, das seine Aktivitäten mit EU-Geldern bereits in die Sahara verlegt hat, zurückgedrängt und sogar in den Tod getrieben werden und dabei unsere Politiker ständig von Menschenrechten, Humanismus sprechen, wenn Schwarze Geflüchtete aus der Ukraine nicht in die BRD hereingelassen wurden und wenn doch, nachdem sie von solidarischen Menschen mit Bussen rübergeholt wurden, dann mit unerträglichen Auflagen versehen werden, dann sehe ich diese Janusköpfigkeit in dem Regime und will das eigentliche Gesicht hinter der freundlichen neoliberalen lächelnden Fassade, wie die Philosophin und Feministin Jules Falquet es nennt, hervorholen.

 

Weiter so im Anthropozän

Das neu ausgerufene Zeitalter des Anthropozäns soll die zerstörerische Wirkung menschlichen Einwirkens auf Natur und Umwelt geologisch erfassen. Es soll als geologisches Zeitalter die Nachfolge des Holozäns antreten, womit die damit vermittelten Wissenswelten in ihrer wissenschaftlichen Festschreibung von recht großer epistemischer Bedeutung sein dürften. Das Anthropozän definiert also die machtvolle „Naturgewalt Mensch“ und produziert zugleich ein „großes Wir (Menschen)“, das diese Erde in der Lage ist, selbst zu zerstören. Indem sich dann alles was „Mensch“ ist, unter diesem großen Wir subsummiert, wird die „Menschheit“ zum kollektiven Subjekt erklärt, was bedeutet, dass damit die tiefgreifenden Unterscheidungen und Unterschiede, die die Geschichte zwischen den Menschen der Weltbevölkerung geschaffen hat, epistemisch eingeebnet, also wie gehabt unsichtbar gemacht werden. Die Zerstörung wird „dem Menschen“ an sich zugeschrieben, anstatt den Eliten, die mit Gewalt die Unterklassen und Rassifizierungen erst geschaffen haben. Die westlich-hegemonial-epistemologisch geschaffene Ausblendung der konkreten Gewaltgeschichte wird damit im Endeffekt noch einmal aufgefrischt und erneuert. Die Ungleichheit menschlicher Aktivitäten wird auf eine abstrakte Menschheit, eine homogen agierende Einheit heruntergebrochen: Kommodifizierung, Imperialismus, Rassenkonstrukte und vieles mehr sind von der Betrachtung ausgenommen. Im besten Fall werden lt. Jason Moore diese Verhältnisse anerkannt, aber als postfaktische Ergänzungen, nachdem das Rahmenmodell des Problems bereits festgelegt wurde. Wenn das auch alles irgendwie danach aussieht, das der „Mensch“ verstanden habe, dass „er“ die Natur zerstört hat, so verschwinden die dahinter stehenden Verhältnisse hinter dem heute anvisierten Ursprungsjahr 1950 des Anthropozäns, womit zugleich der Weg geebnet wird in all die finanz- geotechnologischen „Lösungen“, die auf denselben Paradigmen des Wachstums und Wohlstandes der westeuropäischen Welt beruhen und die bekannte Geschichte fortschreiben sollen.
Dabei bietet gerade die Benennung dieses Ursprungsjahres die Chance, diese Historie wenigstens zu berücksichtigen: Die in den Geowissenschaften etablierte Anthropocene Working Group (AWG) reicht einen Entwurf zur wissenschaftlichen Definition des Ursprungsjahres des Anthropozäns, Golden Spike genannt, ein, mit dem sich ihre Mitglieder auf den konkreten zeitlichen Beginn der neuen Epoche einigen wollen. Bestimmte geowissenschaftliche Vorraussetzungen und eine Ablesbarkeit in Bohrkernen müssen dabei erfüllt werden, was auf die drei vorgeschlagenen Jahre zutrifft: Diskutiert als Golden Spikes werden: das Jahr 1610, das sich auf den sog. kolumbianischen „Austausch“ bezieht, die Industrialisierung um 1800 und die Große Beschleunigung der 1950er Jahre.
Das Jahr 1610 bezieht sich auf das seit der Eroberung der Amerikas 1492 begonnene Aussterben von 90% der damaligen dort lebenden Bevölkerung. In nur wenigen Jahrzehnten wurde die Bevölkerung der Karibik von 54 Millionen im Jahr 1492 auf 6 Millionen Menschen reduziert. Es war das Ergebnis massenhafter Versklavung und Ermordung und des Einschleppens neuer, auf die Indigenen verheerend wirkender Infektionskrankheiten. Die Landwirtschaft der meist agrarisch organisierten indigenen Gemeinschaften ging so schlagartig zurück, dass auf den ehemaligen Ackerflächen überall Wälder wuchsen und es zu verstärkter Aufnahme von CO2 gekommen war, was sich für das Jahr 1610 in arktischen Eisbohrkernen ablesen lässt.
Kathryn Yussoff ist Geologin und Professorin für Inhuman Geography an der Queen Mary University of London und macht mit ihrem Buch ‚A Billion Black Anthropocenes or None‘ über die oben erwähnte Kritik am Wir dieses damit neu definierten Menschenbildes hinaus fundamentale Einwände gegen die etablierte Form geowissenschaftlicher Ursachenforschung geltend.  Im Schattenblick findet sich dazu eine sehr gute Rezension:
Mit dem Einsatz geologischen Wissens beim Anlegen von Minen und Pipelines, bei der Aneignung von Landbesitz und Wasserrechten, sei die Geologie institutionell von jeher in Praktiken der extraktivistischen Landnahme einbezogen und fungiere gegenüber den jeweiligen Auftraggebern als Legitimationswissenschaft. Als eine Institution weißer Vorherrschaft sei die Geologie wesentlich am Erfolg kolonialistischer Eroberungen beteiligt gewesen, was sich auch im Konzept des Anthropozäns ausdrücke. Mit dem kleinen Buch hat Kathryn Yussoff internationale Bekanntheit erlangt, weil sie zugleich mit einer umfassenden Kenntnis der Geowissenschaften argumentiert. Sie legt den Fokus ihrer Kritik auf den mythenbildenen Charakter von Ursprungsgeschichten, die zu machtvollen Instrumenten von Einschluss und Ausschluss werden und wirklichkeitsbildend sind für unsere Zukunft. Indem die Geologie sich nicht für den sozialen Aspekt der Geschichte des Anthropozäns, obwohl es ja um den Menschen geht, interessiert, schafft sie mit dem neuen Konzept ein machtvolles Narrativ der Geschichte der Menschheit, das die Ausblendung seiner Gewaltgeschichte in die Zukunft hinein festschreiben soll.
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Das Anthropozän mag den Anschein erwecken, eine dystopische Zukunft zu bieten, die das Ende der Welt beklagt, aber Imperialismus und anhaltende (Siedler-) Kolonialismen haben Welten beendet, so lange wie sie je existierten. Das Anthropozän bemerkt erst jetzt das Aussterben, das es bei der Herstellung seiner Modernität und Freiheit immer wieder entschieden hat, zu übersehen.
A Billion Black Anthropocenes or None, Kathryn Yussof, University of Minnesota Press, Minneapolis, 2019
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Die AWG tendiert deutlich dazu, sich auf das Jahr 1950 als Startpunkt der neuen Epoche festzulegen, das als Ausgangspunkt der „Großen Beschleunigung“ („Great Acceleration“) bezeichnet wird. Die kriegsökonomisch angeheizte Technologie- und Produktivkraftentwicklung hatte zahlreiche Substanzen synthetischer Art hervorgebracht, die sich in der Atmosphäre, im Wasser und auf den mit neuen Pestiziden und Düngemitteln bewirtschafteten Böden nachweisen ließen. Insbesondere die weltweite Nachweisbarkeit der Spaltprodukte atomarer Aufrüstung, die mit Hunderten von Atomtests vorangetrieben wurde, gilt als erdgeschichtliches Merkmal für die Anwesenheit einer Spezies, die die eigene Lebenswelt mit technischen Mitteln grundlegend verändert.
Zugleich fällt auf, dass dieses Jahr auch den Beginn eines Bewußtseins über die Umweltzerstörung markiert, das nach dem bahnbrechenden Buch „der stille Frühling“ der Biologin Rachel Carson, in dem sie ihre damals erschütternden Forschungen über DDT veröffentlichte, zugleich auch von der Industrie auf den Weg gebracht wurde, welche zu der Zeit damit begann, Wege der Beherrschbarkeit zu entwickeln, anstatt schon damals über ein Rückfahren von Produktion, Wachstum, fossiler Industrie, die schon zu Beginn als die Treiber der Umweltzerstörung und des Klimawandels identifiziert worden waren, nachzudenken. 1958 begannen bereits die CO2 Messungen in der Athmosphäre auf dem Mauna Loa Observatorium in Hawaii. Mit dem Kyotoprotokoll wurden 1997 der Emissionshandel und mit ihm ein Regime der Finanzialisierung der Natur in Gang gebracht, das auf denselben Praktiken von Aneignung und Naturzerstörung beruht, wie der fossile Extraktivismus. Mit technologischen und finanztechnischen Mitteln wird das kapitalistische Akkumulationsprinzip vorangetrieben und den großen Verschmutzern ein weiter so ermöglicht, wobei zugleich wie eh und je die darin fungierenden, unsichtbar gemachten, weil an entfernten Orten stattfindenden Praktiken der Vertreibung von Gemeinschaften und Zerstörung von Naturräumen – dieses Mal für Verschmutzungsrechte betrieben werden. Wie das funktioniert siehe hier: NETTO NULL Dies Haus wird brennen
Parallel dazu soll die Forschung an Geotechnologien CO2 in großem Masse zurückdrängen, in der Erde verscharren usw. Erwiesen ist, dass mit CDM und REDD Projekten als Mechanismen des Emissionshandels weder Natur geschützt wurde noch CO2 seit 25 Jahren eingespart wurde.
Mit dieser Geschichte im Hintergrund suggeriert das Jahr 1950 als Urprungsjahr des Anthropozäns eine technologische Beherrschbarkeit der „durch den Menschen zerstörten Erde“ und des Klimawandels durch finanz- und geotechnologische Mittel. „So kündigt die Entscheidung für das Jahr 1950 als Golden Spike eine Zukunft der Menschheit an, in der technisches Vermögen die widrigen Naturbedingungen erfolgreicher denn je in die Schranken weisen würde“ (Schattenblick), womit die eigentliche Gewaltgeschichte der letzten 500 Jahre nicht mehr vorkommt.

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Ausblick

Sylvia Wynter schlägt mit „Towards the Human, After Man“ also vor,
dass der Kampf unseres neuen Jahrtausends einer zwischen dem fortlaufenden Imperativ der Sicherung des Wohlergehens unserer gegenwärtigen ethnoklassischen (d.h. westlich-bürgerlichen) Konzeption des Menschlichen, Menschen, der sich überrepräsentiert, als wäre er das Menschliche an sich, und dem der Sicherung des Wohlergehens und damit der vollen kognitiven und verhaltensbezogenen Autonomie der menschlichen Spezies selbst/unserer selbst sein wird.“
Unsettling the Coloniality of Being/Power/Truth/Freedom: Towards the Human, After Man, Its Overrepresentation–An Argument, Sylvia Wynter

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Eine Autonomie des menschseins ist es, die wir überhaupt erst einmal entwickeln müssten, um dem Weltenbrand zu begegnen. Es erfordert ein „menschsein“ jenseits des Kapitals, das Konkurrenz und Wettkampf ein für alle mal als zu überwindendes Paradigma identifiziert, die Kooperation in den Mittelpunkt stellt, das Überleben aller Lebewesen zum Ziel hat und daran arbeitet, die Figur, die „durch Akkumulation gedeiht“ (SW s.o.) zu einem „menschsein“ zu entwickeln, das in der Lage ist, das Leben auf der Erde, nicht nur das eigene, sondern das der anderen zu erhalten und vollständig vom Kapital abzulösen. Es erforderte eine grundlegende Überarbeitung des nach Verwertung orientierten Denkens und Handelns, bei der auch und vor allem – nicht nur – die Erfahrungen und Wissenswelten indigener Völker lehrreich wären.
Juan Pablo Guiterrez ist der Vertreter des indigenen Volkes der Yukpa und besuchte Lützerath. Er spricht in diesem Interview über die Situation der Yukpa in Kolumbien, über ihren Kampf dagegen, als Volk wegen des Steinkohletagebaus El Cerrejón ausgelöscht zu werden, über die Schwierigkeiten, die durch die verschiedenen militärischen Bedrohungen bestehen. Er spricht auch ausführlich über den Naturbegriff der Yukpa, was bedeutet eigentlich das Wort „Territorium“ und wie sieht das Verhältnis zu dem Land aus, auf dem sie leben. Es geht um die Frage nach dem Eigentum und einen eurozentrischen Naturbegriff, der der Zerstörung der Natur zugrunde liegt. Hier geht’s zum Interview
Indigene Völker nicht zu romantisieren wäre Teil der Suche, von ihnen zu lernen und gleichzeitig unbekanntes zu suchen, das jenseits der bisherigen Erfahrung liegt, das wir noch nicht kennen, das uns mit der ganzen „Fülle der Möglichkeit unserer miteinander verbundenen menschlichen Verwirklichung“ (SW s.o.) zu einer  grundlegenden Kooperation auf gesellschaftlicher Ebene befähigt.

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Doch genau deswegen, wegen dieses Gefühls, das wir auf der Spitze eines Vulkans leben, ist es noch wichtiger zu sehen, dass inmitten dieser ganzen Zerstörung eine andere Welt im Entstehen ist, die dem Gras gleich, das auf den Gehsteigen durch die Risse im Asphalt drängt, die Hegemonie von Staat und Kapital herausfordert und unsere gegenseitige Verbundenheit und unser Vermögen zur Kooperation stärkt.
Es ist einfach unmöglich, bestehende gemeinschaftliche Rechte zu verteidigen, ohne dabei zugleich eine neue Wirklichkeit, im Sinne von neuen Strategien, neuen Bündnissen und neuen Formen der gesellschaftlichen Organisation zu erschaffen.
Die Welt wieder verzaubern, Feminismus, Marxismus und Commoms, Silvia Federici, übersetzt von Leo Kühberger, mandelbaum, 2020
Mit dieser Aussicht im Gepäck wähle ich als Ausstieg aus dieser Geschichte die Lektüre der bedeutenden Feministin Silvia Federici: Die Welt wieder verzaubern – RE-ENCHANTING THE WORLD: Feminism and the Politics of the Commons: Eine umfassende Bestandsaufnahme der heutigen Situation der Commons, wie sie überall auf der Welt und vor allem in ehemals kolonisierten Ländern, aber nicht nur, existieren und aus der Erinnerung an frühere moralische Ökonomien neu entstehen. Die Idee der Commons als „schlüssige und historische Alternative sowohl zum Staat und zum Privateigentum als auch zum Staat und zum Markt“.
Im zweiten Teil eines Interviews vom Dezember 2022 beschreibt sie die Commoms als ein umfassendes Prinzip, eine alltägliche Bedingung für die Organisation aller Ebenen einer kooperativen Gesellschaft, einschließlich der kommunalen Gerechtigkeit, anstatt sie lediglich als kleine Flecken von Land und Projekten zu verstehen. Hier geht es zum Interview

 

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Der Begriff Commons als Vorwegnahme einer kooperativen Gesellschaft, wobei allerdings unterschiedliche Auslegungen des Konzeptes der Commons zu einer scharfen Differenzierung mahnen:
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Die Weltbank und die Vereinten Nationen eigeneten sich die Sprache der Commons an und stellten sie in den Dienst der Privatisierungen. Unter dem Vorwand, die Biodiversität und die globalen Commons erhalten zu wollen, verwandelte die Weltbank Regenwälder in Umweltschutzgebiete und vertrieb die Menschen, die dort seit Jahrhunderten ihr Auskommen gefunden hatten, während diejenigen, die dafür zahlen können, beispielsweise in Form des Ökotourismus, sehr wohl  Zugang zu diesen Gebieten erhalten. Die Vereinten Nationen wiederum überarbeiteten das Internationale Seerecht auf eine Art und Weise, die es den Regierungen erlaubt, die Nutzung der Weltmeere in den Händen von wenigen zu konzentrieren, gleichfalls im Namen der Bewahrung des gemeinsamen Erbes der Menschheit.
Die Welt wieder verzaubern, Feminismus, Marxismus und Commoms, Silvia Federici, übersetzt von Leo Kühberger, mandelbaum, 2020

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Das Konzept der Commons wird von Technokrat*innen des Kapitals übernommen, um es mit dem Markt in Einklang zu bringen. Dieser Praxis widmet sie ein ausführliches Kapitel, wobei auch ihre kritische Auseinandersetzung mit dem Ansatz von Antonio Negri und Michael Hardt zur deren Analyse der digitalen Arbeit zur Sprache kommt, den sie außerdem in: George Caffentzis and Silvia Federici, “Notes on Edu-factory and Cognitive Capitalism,” und in Federici, “On Affective Labor“, beide in Toward a Global Autonomous University: Cognitive Labor, the Production of Knowledge, and Exodus from the Education Factory, eds. the Edu-factory Collective (Brooklyn: Autonomedia, 2009), ausarbeitet. Ich erwähne das deswegen hier genauer als Leseempfehlung, weil ich selbst noch am Anfang dieses Themas stehe, aber denke, wenn ich das Konzept der Commons vertrete, ich zugleich die Neuinterpretationen, die letztendlich in eine ganz andere Richtung führen,  kennen möchte, um die Idee der Commons zu schützen und deutlicher voranbringen zu können.

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Die Commoners unserer Tage werfen die Vorstellung von der progressiven Rolle des Kapitals über Bord und verlangen die Kontrolle über die Entscheidungen, die ihr Leben am unmittelbarsten betreffen. Sie betonen ihre Fähigkeit, sich selbst zu regieren und verweigern sich der Durchsetzung eines vereinheitlichenden Modells des sozialen und kulturellen Lebens, ganz im Sinne des Slogans der Zapatistas von „Ein Nein und Viele Jas“, weil sie meinen, dass es viele Wege zu diesem Gemeinsamen gebe, abhängig von unseren verschiedenen historischen und kulturellen Entwicklungen und Umweltbedingungen.
Können wir uns vorstellen unser Leben anders zu gestalten, indem wir unsere Beziehungen zu anderen gemeinschaftlich leben und dabei Tiere, das Wasser, die Pflanzen und Berge miteinbeziehen?
Das ist der Horizont, den der Diskurs und die Politik der Commons uns heute eröffnen und nicht das Versprechen einer ohnehin unmöglichen Reise in die Vergangenheit, sondern die Möglichkeit, die kollektive Entscheidungsgewalt über unser Schicksal auf diesem Planeten wiederzugewinnen. Das ist, was ich unter Wiederverzauberung der Welt verstehe.
Die Welt wieder verzaubern, Feminismus, Marxismus und Commoms, Silvia Federici, übersetzt von Leo Kühberger, mandelbaum, 2020

 

susanne fasbender Nov 22 mit Nachtrag Mai 23