Neue Bündnisse gegen Krieg: Kein Frieden durch Rüstung

Aktionskonferenz von Rheinmetall Entwaffnen am 26.3.22 in Kassel

Analysen und Perspektiven zur Antimilitarisierung: Das Podium der Aktionskonferenz

Schon lange vor dem russischen Angriffskrieg hatte das Bündnis Rheinmetall Entwaffnen eine Aktionskonferenz gegen Krieg und Aufrüstung für den 26.3.22 in Kassel geplant und konnte somit unmittelbar nach Kriegsbeginn eine bereits organisierte und gut vorbereitete Plattform bieten, die ein grosses Zusammenkommen antirassistischer Akteur*innen der Klimagerechtigkeitsbewegung, internationalistischer feministischer Gruppen und eigener Mitglieder im Bündnis möglich machte. So kamen aus ganz Deutschland ca. 150 Menschen, viele davon als Vertreter*innen für eigene Gruppen für einen Tag zusammen, um im Angesicht der durch den Ukrainekrieg auf allen gesellschaftlichen Ebenen verschärften Krise eine gemeinsame Positionierung und eine bewegungsübergreifende Handlungsfähigkeit gegenüber der 100 Milliarden schweren Hochrüstungskampagne der Bundesrepublik zu erarbeiten. In einem Podium zu Beginn des Tages, in Workshops und neu gegründeten Arbeitsgruppen wurden Aktionsideen und verschiedene Perspektiven auf Krieg und Militarisierung besprochen.
Auf dem Eröffnungspodium sprach Barbara Happe von Urgewald im Kontext der militärischen Aufrüstung die weltumspannenden Geschäfte der zu den bedeutendsten Munitionsproduzenten der Welt gehörenden Rheinmetall AG an, welche autoritäre Regierungen und Diktaturen mit Waffen beliefert und, wie sie berichtete, „seit 2014 den ständig steigenden Verteidigungsetat feiere“. Derzeit würde auf Regierungsebene das Momentum dazu genutzt werden, jeglichen noch bestehenden politischen Konsens auf Abrüstung ad absurdum zu führen. Von einer „Zeitenwende“, könne also laut Lukas von Rheinmetall Entwaffnen angesichts der fortlaufenden auch von deutschen Rüstungskonzernen mit Waffen unterstützen Kriege keinesfalls die Rede sein. Eine Wende bedeute immer einen Paradigmenwechsel, doch hier werde der kapitalistisch-patriarchale Normalzustand nichts anderes als fortgesetzt. In diesem gäbe es keinen Frieden, denken wir an Syrien, den Jemen, an Aghanistan, den Irak und Libyen, womit noch nicht jene Kriegsgeschehen genannt sind, die indirekt in einem Zusammenhang mit deutscher Politik stehen.

Deutsche Rüstung kommt auch im Krieg gegen die Kurden zum Einsatz

Was sich ändere, so Lukas, seien die Geschwindigkeit, die Sprache und die Verortung: Durch die Ukraine käme der Krieg näher in das Sichtfeld der deutschen Bevölkerung. Es bestätige sich heute, dass die bisherige jahrelange Arbeit des Bündnisses Rheinmetall Entwaffnen für sie genau der richtige Ansatz sei, um gegen die kapitalistischen Zustände aktiv zu werden.
Kerstin Pfeiffer von der FrauenLesbenGruppe Frankfurt und von Women defend Rojava verwies auf die Bedeutung einer feministischen Analyse der Militarisierung und brachte eine neue Perspektive hinein: Nicht bei den Waffen solle angefangen werden, sondern es sei gefordert, in den Alltag zu gehen und sich zu fragen: Wie kommt es, dass eine „so friedliebende deutsche Bevölkerung so schnell einen Konsens zur Aufrüstung“ findet? Um diese Zustimmung in der Bevölkerung besser zu verstehen, sei es notwendig, sich mit der Militarisierung des Alltags zu befassen, in dem patriarchale Gewalt eine Normalität ist. Dazu gehöre die gewaltsame Zerstörung der Natur ebenso, wie die Militarisierung der EU-Außengrenzen, die Pushbacks von Geflüchteten oder die übergroße Zahl der weltweiten Feminizide, also der Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. Wäre z.B. Vergewaltigung im Alltag nicht akzeptiert, so wäre auch Vergewaltigung als Kriegswaffe nicht denkbar. Die Aufgabe sei es, die Gewalttätigkeit des Alltags sichtbar zu machen. Es geht dabei um eine umfassende Analyse, die in diesem Rahmen nur angerissen werden kann. Zynisch sei unter diesem Blickwinkel auch, wie zur Zeit davon gesprochen wird, mit den geflüchteten ukrainischen Frauen nun den Pflegesektor „aufzufüllen“. Für sie sei es nicht möglich, das Thema des Militarismus als getrennt von der patriarchalen Gewalt im Alltag zu betrachten. Waffen seien immer ein Teil des Ganzen.
Tamara Rewald von Ende Gelände lieferte eine ausführliche Erklärung über die Verbindung von fossilen Energien und Krieg, ein Thema, dass im Rahmen der Klimagerechtigkeit immer schon mitgedacht wurde, nun aber eine ganz neue Deutlichkeit und Fassbarkeit bekomme, indem akut zu beobachten sei, wie das fossile System durch die Militarisierung gerade ausgebaut werde, was die neue Energiepartnerschaft, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mit Katar vereinbart hat, sowie die AKW- und Kohle-Laufzeitverlängerungen zeigen. Es brauche im Angesicht der Klimakrise stattdessen ein Embargo gegen alle fossilen Energieträger. Ende Gelände hat sich aus diesem Grunde dazu entschieden, sich mit dem Bündnis Rheinmetall Entwaffnen zusammenzuschliessen. Zum Energieverbrauch des Militärs erwähnte sie das Beispiel des Kampfpanzers Leopard 2, der auf 100 km 530 l Diesel verbrauche. Kriegsgerät dürfe vielmehr garnicht erst gebaut werden und auch so etwas wie „grüne Panzer“ seien selbstverständlich keine Option, denn sie werden hergestellt, alleine um zu zerstören. Die Klimakrise sei eine Mammutaufgabe, die auch nicht mit individuellen Scheinlösungen zu bewältigen sei, sondern mit dem Kampf für ein anderes System, das keine Rüstungsindustrie brauche.
Barbara Happe von Urgewald kam auf die kontrovers diskutierte Frage nach den Waffenlieferungen aus der BRD in die Ukraine zu sprechen. An dieser Stelle entstand eine rege und emotionale Diskussion auch mit den Teilnehmer*innen der Konferenz und es zeigte sich am Ende, dass es sinnvoll sein kann, Kontroversen deutlich zu formulieren, um entweder Missverstandenes zu berichtigen oder Positionen zu verdeutlichen. Mit Blick auf die Menschen in der Ukraine sei die berechtigte Frage zu stellen: Will man den Einzelnen die Waffe zur Selbstverteidigung verwehren? Eine andere Frage stellte sich dagegen: Ist es die Aufgabe von Aktivist*innen, die gegen Kapitalismus kämpfen, eine solidarische Hilfe wie die der Unterstützung einer legitimen Selbstverteidigung gegen einen imperialen Krieg von einem militärischen Programm der Bundesregierung ausführen zu lassen? Auch in ihren eigenen Gruppen, aus denen sie kommt, so berichtetete Barbara Happe, war die Frage nach der Richtigkeit von Waffenlieferungen heftig diskutiert worden.

Zur Frage der Waffenlieferungen

Die deutlich formulierte Solidarität mit den Ukrainer*innen, so kann der Konsens am Ende der regen Diskussion in dieser Frage beschrieben werden, kann nicht zugleich Militarisierung bedeuten. Die Heftigkeit des Brandes und eine Ausweitung des Krieges auch politisch anzuheizen sei nicht im Sinne der neuen Bündnisse gegen Militarisierung und Krieg.
Zur Sprache kam im Laufe des Tages auch die Forderung einer Dekonstruktion des neuen Begriffes der "Feministischen Außenpolitik". In den Rhetoriken, Diskursen und Debatten um Aufrüstung kommen tatsächlich Fragen der Frauenbefreiung, Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Selbstbestimmung  verstärkt zum Einsatz. Mit Erfolg. Von vielen wird Außenministerin Annalena Baerbock dafür als "Feministin" gefeiert, auch wenn sie im selben Atemzug davon spricht, dass Deutschland "wieder  eine Militärmacht werden" müsse. Zusammen mit allen weiteren bild- und sprechreichen Medienpräsenzen des Krieges führt dies mit zu der kognitiven Militarisierung weiter Teile der Bevölkerung mit zutiefst antifeministischen Konsequenzen. Die Frage in der feministischen Arbeitsgruppe drehte sich darum,  diese Entwicklung entweder aufgrund ihrer Absurdität lediglich zu ignorieren, oder dem etwas Konkretes entgegenzusetzen.
Dies ist ein kurzer unvollständiger Bericht in dem ich nur Ausschnitte wiedergeben kann. Nach einem langen Tag der Workshops, Besprechungen und Treffen ging die Aktionskonferenz mit neuen Bündnissen, Plänen und Verabredungen zuende.

Übersicht der längeren Blogbeiträge

Alle weiteren Blogbeiträge mit Hinweisen zu neuen Videos und Interviews sind über die Kategorien zu finden.

NETTO NULL Dies Haus wird brennen   Klimaschutz und neokoloniale Offensive, Artikel über Nature Based Solutions, Emissionshandel und die dahiner stehen kolonialen Verhältnisse.

 

 

 

L277 Sieh das weite Land, das sie abreißen wollen    Abriss der langen Landstrasse die die Dörfer verbindet die in Garzweiler 2 noch abgerissen werden sooen, und nach diesr Aufnahme von 2014 schin abgerissen wurden (Immerath und Borschemich)

Unvergessene Fahrt auf der L277 nach Immerath im Sommer 2014

 

 

Kreative Verkehrswendeaktionen ohne Label

 

 

 

 

 

Interviews beim Feminist Futures Festival: Sarah Wansa, Jelena Miloš, Barbara Fried

 

 

 

 

UND NICHT MIT KRITISCH-ÄSTHETISCHER DISTANZ   Politischer Film und Gespräche auf der Globale Mittelhessen, Filmrezensionen der Filme: DAS KONGO TRIBUNAL, ORO BLANCO, DER ZWEITE ANSCHLAG

 

 

 

Feminist Futures Festivalbericht Teil 1  "Wir sind sichtbar im Namen aller vergessenen Frauen.“ Ruhrjugend eröffnet das Feminist Futures Festival in der Zeche Zollverein

 

 

 

„Mut statt kitschiger Hoffnung“ kleines Interview in der taz

 

Interview in M&R Melodie und Rhythmus mit Christian Stache, erschienen Dezember 2018

Interviews beim Feminist Futures Festival: Sarah Wansa, Jelena Miloš, Barbara Fried

Die politische Lektion, die wir "Caliban und die Hexe"entnehmen können, lautet in der Tat, dass der Kapitalismus als sozio-ökonomisches System zwingend auf Rassismus und Sexismus angewiesen ist. Denn der Kapitalismus muss die Widersprüche, die seinen gesellschaftlichen Verhältnissen innewohnen, rechtfertigen und mystifizieren: Seinem Freiheitsversprechen steht die Realität weiterverbreiteten Zwangs, seinem Wohlstandsversprechen, die ebenso weiterverbreiteten Elends gegenüber. Der Kapitalismus rechtfertigt und mystifiziert solche Widersprüche, indem er die „Natur“ derjenigen, die er ausbeutet, verunglimpft, also die der Frauen, der kolonialen Subjekte, der Nachkommen afrikanischer Sklaven und der von der Globalisierung entwurzelten Migranten und Migratinnen. Den Kern des Kapitalismus macht nicht nur die symbiotische Beziehung zwischen vertraglich geregelter Lohnarbeit und Versklavung aus, sondern auch die damit einhergehende Dialektik von Akkumulation und Vernichtung der Arbeitskraft.  Dafür haben Frauen einen hohen Preis gezahlt: mit ihren Körpern, ihrer Arbeit und ihrem Leben.
Es ist daher ausgeschlossen, den Kapitalismus mit irgendeiner Form der Befreiung in Verbindung zu bringen oder die Langlebigkeit des Systems aus seiner Fähigkeit zur Befriedidung menschlicher Bedürfnisse zu erklären. Wenn der Kapitalismus in der Lage gewesen ist, sich zu reproduzieren, dann nur aufgrund der Ungleichheit, die er in den Körper  des Weltproletariats integriert hat, sowie aufgrund seiner Fähigkeit, die Ausbeutung zu globalisieren. Dieser Vorgang entfaltet sich noch heute vor unseren Augen, wie er es die letzten fünfhundert Jahrelang  getan hat.
Der Unterschied besteht darin, dass der Widerstand dagegen heute ein globales Ausmaß angenommen hat.
aus: Caliban und die Hexe von Silvia Federici

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Sarah Wansa arbeitet im 2017 eröffneten Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in Beirut. Sie konzentriert sich in dem Interview besonders auf die Anfänge ihrer politischen Arbeit, in der sie im Rahmen eines Jobs für eine NGO eine systematische Erfassung von geflüchteten Menschen in Haft erarbeitete, indem sie zahlreiche Besuche und Befragungen in Gefängnissen durchführte. „Der Staat entscheidet wer sichtbar und wer unsichtbar ist“. Bis heute arbeitet sie daran, diese Geschichten sichtbar zu machen. Hier geht's zum Interview
Jelena Miloš ist aktiv bei der Plattform Zagreb je NAŠ, ein Zusammenschluss von Aktivist*innen und Parlamentarier*innen in Zagreb. Es geht darum, Forderungen aus den sozialen Bewegungen direkt in die lokalen politischen Handlungsräume zu tragen, dort entscheidend mitzuwirken, gleichzeitig aber dem Kollektiv verpflichtet zu bleiben. Wie sie bereits politische Strukturen verändern konnten, ohne dabei die üblichen Kompromisse einzugehen, erzählt sie in diesem Interview.

Dr. Barbara Fried ist Leitende Redakteurin der Zeitschrift «LUXEMBURG» der Rosa Luxemburg Stiftung und ist Mitorganisatorin des Feminist Futures Festivals 2019. Sie erklärt in diesem Interview den intersektionalen Charakter des Festivals und der internationalen feministischen Bewegungen. Dabei gibt sie einen ersten Einblick in das weite Spektrum der Thematiken, die in der zur Zeit global anwachsenden feministischen Bewegung verhandelt werden.

 

Susanne Fasbender

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Feminist Futures Festivalbericht Teil 1

„Wir sind sichtbar im Namen aller vergessenen Frauen.“

Ruhrjugend eröffnet das Feminist Futures Festival in der Zeche Zollverein

"Lasst uns voneinander kämpfen lernen!" Foto: ©2019 by brandfilme

„Als nicht-weisse, nicht-akademische Frauen waren wir lange unsichtbar. Und heute stehen wir hier und begrüßen euch. Als Aktivist*innen der Ruhrjugend, als Kanackfrauen und Kinder von Gastarbeiter*innen. Wir sind sichtbar im Namen aller vergessenen Frauen. Im Namen von Emine Bulut und im Namen Farkhundas. Wir waren zu lange ungehört, wurden zulange zerrieben zwischen bürgerlichen weissen Frauen, die unsere Stimme sein wollten und nicht-weissen Männern, die für uns sprachen - heute sind wir selbst laut! Laut für eine feministische Zukunft! Lasst uns einander zuhören und einander stärken! Lasst uns reflektieren, hinterfragen und verbessern! Lasst uns Kämpfe vereinen, statt sie zu vereinnahmen. Lasst uns voneinander kämpfen lernen! Für eine feministische Zukunft!“
„Hier und heute schaffen wir einen Raum, der über nationale, klassistische und rassistische Grenzen hinweg Feminist*innen zusammenbringt. Dieser Ort, diese Zeche ist Sinnbild für unsere Position in der Gesellschaft. Eine Sphäre der Männlichkeit einerseits. Ein Ort, den wir uns aneignen allein durch unsere Präsenz. Eine Sphäre der Lohnarbeit, ein Symbol unserer Klasse. Er symbolisiert die Gastarbeit, Einwanderung, Migration, vielleicht sogar Heimatlosigkeit. Und zugleich ist dieser Ort ein Teil Identifikation, ein Stück Zuhause mitten im Ruhrgebiet. Dieses Festival ist die einmalige Gelegenheit für uns alle, einen neuen intersektionalen und solidarischen feministischen Kampf zu organisieren. Und ja, wir wollen kämpfen. Wir wollen unsere Kämpfe nicht mehr diktieren lassen. Wir wollen eigenständig und eigenhändig kämpfen.“

Aus dem Inneren der Einwander*innen-Arbeiterklasse 
An diesem historischen Ort der Zeche Zollverein jene Stimmen zur Eröffnung des Feminist Futures Festivals erleben zu dürfen, die als Kinder von Arbeiter*innen und Gastarbeiter*innen im fossilen Kapitalismus und hier speziell im Steinkohlenbergbau einen besonderen Schwerpunkt in der antikapitalistischen Analyse eines

Kalligraphie im Ruhrgebiet

Feminismus repräsentieren, der gerade dabei ist, sich transnational zu formieren - das hat mich tatsächlich sehr gefreut. Ja, es hat mich gepackt, als sie plötzlich auf die noch leere Bühne sprangen, ihr Banner aufrollten „Rassismus tötet. Wir wehren uns!“ und ihre Stimmen erhoben. Stimmen und Präsenz von Menschen, die an der Front der Arbeit und Migration aufwuchsen. Die Aktivist*innen der Ruhrjugend repräsentieren beispielhaft die Bedeutung, die das Aufziehen der Kinder, die Haus- und Sorgearbeit-, die gesamte unbezahlte Reproduktions-arbeit für die Kapitalakkumulation und das Bruttosozialprodukt einer Gesellschaft haben. Dieser umfassende Bereich des Lebens, der es ihren Eltern und mehrheitlich den Vätern, den Arbeitern im Steinkohlebergbau, überhaupt erst ermöglichte, arbeiten zu gehen. (Siehe auch das Interview mit Cinzia Arruzza)
Die Ruhrjugend hat mit ihrer authentischen und radikalen Eröffnungsrede aus dem Inneren der Einwanderer*innen-Arbeiterklasse heraus einen Punkt an den Anfang des Feminist Futures Festivals gesetzt, den wir bei der nachfolgenden Kritik an einer insgesamt zu weissen akademischen Besetzung des Vorbereitungskreises des Festivals nicht vergessen sollten.
Verhundertfachen wir doch einfach ihre Stimmen! Überbrücken wir unser quantitatives (und qualitatives) Manko - denn es hätten mehr migrantische und Schwarze Aktivist*innengruppen aus der BRD eingeladen werden müssen - und geben wir dem Auftritt der Ruhrjugend  ein in diesem Sinne notwendiges qualitativ vielfaches Maß. „Als nicht-weisse, nicht-akademische Frauen* waren wir lange unsichtbar. Und heute stehen wir hier und begrüßen euch.“ Das ist mehr als die Minuten dieses Auftrittes. Es ist eine neue Präsenz, die den Anfang einer Wende hin zu viel mehr Migrant*innen in den inneren Kreisen der sozialen Bewegungen in der BRD bedeuten kann, der auch mit großem Beifall zur Eröffnung und einem überfüllten späteren Workshop der Ruhrjugend unter dem Titel: „Intersektionalisiert euch! Überforderte Linke: nicht-weiß, nicht-akademisch, nicht-links – was tun?“ beantwortet wurde. „Die Menschen sassen bis auf den Flur“ sagt eine von ihnen. Und auch mit diesem Workshop, den ich selber nicht besuchen konnte, haben sie einen Nerv getroffen.
Seit langem vermisse ich Menschen of Color in der BRD-Klimagerechtigkeitsbewegung. Ich vermisse sie als Mit-Organisator*innen, Sprecher*innen und Mit-Entscheider*innen. Wie oft höre ich: „Wir sind eine weiße Mittelklasse-Bewegung und müssen aus unserer Blase heraus.“ Sollten wir nicht diesem Problem intensiver nachgehen und dadurch auch eigene Sichtbarkeiten und festgelegte soziale Rollen innerhalb der Bewegung nach hinten stellen? Mit diesen und anderen Gedanken zu Widersprüchlichkeiten, die mich in der Klimagerechtigkeitsbewegung beschäftigen, fuhr ich zum Feminist Futures Festival. Ausgestattet mit meiner Videokamera und Tonaufnahmegerät, aufgeregt, weil ein für mich eher neues Umfeld und ahnend, dass es ein Arbeitsmarathon wird, das ich mal so zwischendurch einfüge. Das wurde es, und ich blieb alle vier Tage.
Die Sphäre des fossilen Kapitalismus feministisch beleben

Zeche Zollverein in Essen: Die Sphäre der Lohnarbeit feministisch beleben   Foto: ©2019 by brandfilme

 

„Eine fundamentale Umwälzung der Geschlechterverhältnisse würde den Kapitalismus im Mark treffen.“
So Barbara Fried vom Vorbereitungskreis in der nächsten Eröffnungsrede. Inspiriert u.a. von dem argentinischen Nationalen Frauen*treffen, das 2019 zum 34. Mal stattfindet und zu dem dieses Jahr mehr als 70.000 Frauen und Queers erwartet werden, haben die Rosa Luxemburg-Stiftung, das Konzeptwerk Neue Ökonomie und das Netzwerk Care Revolution das Feminist Futures Festival mit Teilnehmer*innen aus über 40 verschiedenen Ländern der Welt und ca. 1500 Besucher*innen ins Leben gerufen.

Eröffnungsveranstaltung Feminist Futures im gefülltem Saal   Foto: ©2019 by brandfilme

 

 

„Was zur Zeit passiert, ist wirklich beeindruckend.  Die Massendimension und die politische Qualität der feministischen Bewegung, dieses neuen Feminismus auf der ganzen Welt ist absolut erstaunlich.“
Cinzia Arruzza über ihre Reisen zu internationalen Feministischen Treffen. Dabei geht es um eine antikapitalistische Schlagkraft, die Feminismus
„als Gegenpol zum Angriff auf die Rechte von Frauen, Migrant*innen und LGBTIQs und vielen anderen“ in der Kombination mit „der ökonomischen Kritik an dem auf Geschlechtertrennung und geschlechtlichen Arbeitsteilung basierenden Kapitalismus“ in der Lage ist zu entfalten, so Barbara Fried weiter. Er zielt „auf das Ganze der Arbeit und hat somit auch das ganze Leben im Blick“.
„Wir wollen nicht mehr Frauen mit individueller Macht, wir wollen die Macht zurück zur Mehrheit der Menschen"
Zitat aus dem Videointerview mit Cinzia Arruzza. Sie ist Philosophin an der New School of Social Research in New York und Co-Autorin des Buches und Manifestos „Feminismus für die 99%“ (in der dt. Übersetzung im Verlag Matthes & Seitz, Berlin)
Sie gibt uns in diesem Interview eine vertiefende und auf die heutige Zeit bezogene Erklärung zur ökonomischen Analyse der reproduktiven Arbeit, spricht über die Fähigkeit des Feminismus unterschiedliche Kämpfe zu vereinen und über die Frage nach dem Klassencharakter sozialer Bewegungen. Sie spricht über die besondere Bedeutung der indigenen Kämpfe für die Umweltbewegung, über die Rolle von Männern in der Bewegung und darüber wie Feminismus sich verändert hat. Zitat: „…weniger normativ, viel offener für die verschiedenen Arten und Weisen, wie Subjektivitäten eine Rolle spielen“. Sie spricht über Feminismus als trans-feministische Bewegung, die Bedeutung der Vereinigung von Frauenstreik und Arbeitsstreik, über die Überwindung der Trennung von Theorie und Praxis und zu guter Letzt natürlich von der Ablehnung eines Feminismus der für Chancengleichheit in der Herrschaft kämpft „equal opportunity in domination“, der eben kein Problem mit Ausbeutung hat.
Sieh das Interview (38 min) auf Vimeo. Eine Übersetzung ins deutsche wird später folgen. (Jede Hilfe, von der Transkription zur Übersetzung bis zum Erstellen von SRT-Untertiteldateien wird gerne angenommen.)

link to the interview with Cinzia Arruzza at Feminist Futures ©brandfilme

Eine feministische Basis
Vielleicht, so denke ich, rührt daher auch der befreiende Charakter dieser feministischen Bewegung. „Das ganze Leben im Blick“. Dieser zeigte sich zum Abschluss des Festivals und in Bezug auf eine in meinen Augen notwendigerweise unbedingt offene und streitbare kommunikative Praxis einer sozialen Bewegung konkret in der Kritikfähigkeit der Veranstalter*innen. Die Kritik lautete verkürzt: Zu weiss, zu akademisch, zu sehr Mittelklasse.
Die Gruppe der Brückenbauer*innen hatte es zur Eröffnung des Festivals bereits formuliert: Sie wollten als Gruppe des Vorbereitungskreises verhindern, dass die Perspektiven von Schwarzen Frauen*, migrantischen Frauen* und Frauen* of Colour, Feminist*innen aus der Armuts- und Arbeiter*innenklasse, Queers, Queers of Colour, Trans- oder erwerbslose Aktivist*innen hinter denen weißer, bürgerlicher Mittelklassefeminist*innen, Akademiker*innen und Erb*innen zurücktreten.

Der Feminist Futures Festival Vorbereitungskreis stellt sich vor   ©2019 brandfilme

Und Francis speziell legte Wert auf die Präsenz von
Zitat: „Arbeiter*innenkindern, Feminist*innen aus Armuts- oder Arbeiter*innenkontexten, Prololesben, Leute die in Gewerkschaften aktiv sind. Und ich fand das garnicht so einfach und ich würde euch gerne auffordern im Laufe des Festivals selbstkritisch zu überlegen, inwieweit das eigentlich gelungen ist“.

Feminist Futures: Erfahrene Moderatorin für Großveranstaltungen Jutta  ©2019 brandfilme

Der Boden für eine selbstkritische Auseinandersetzung war gelegt und auch wenn es noch nicht richtig gelungen ist: Dass jegliche Befreiung von Teilung, Trennung und Diskriminierung auch in der Betrachtung möglicher eigenen Teilhabe im Fokus liegt, ich habe diesen Eindruck trotz Scheitern und Verfehlen gewonnen. Die ständige Überprüfung möglicher eigener Vorurteile und Prägungen sowie der eigenen Motive, warum und wofür ich etwas mache ist mir ein ohnehin verläßliches Werkzeug. Die Kritik wurde zum Abschluss zuerst auf die Bühne gebracht und dann von den beiden Moderator*innen Britta und Jutta in einer Gesamtrunde mit spontanen Redebeiträgen hervorgeholt.
Es entstand dabei eine Offenheit, die die Entwicklung zu einer vielleicht wirklich großen Bewegung, die in der Lage ist, mit all den Widersprüchen umzugehen, braucht. Feminismus sollte eigentlich die Basis und nicht ein Teil jeder sozialen Bewegung sein, wird mir in diesen Tagen klar, da es scheint, als sei hier ein gegenseitiges Versprechen zu einem ehrlicheren kollektiven Herangehen im Raum. Eine feministische Grundlage wäre vielleicht die Lösung gegen die immer wieder sich einschleichenden patriarchalen Muster in sozialen Bewegungen, die trennen, teilen, ausschließen und Wettbewerbe um soziale Anerkennungen fördern. Da ist dann insgesamt einfach mehr diffuse Angst in der Luft. Wo sich soziale Verhaltensweisen entwickeln, die Menschen, die gerne dazukommen würden, daran hindern oder sie sich „verabschieden aus geteilten Räumen“, wie Atlanta von den Brückenbauer*innen es formulierte. Das stets kritikfähige Kollektiv ist also ein Muß. Das es das hier gab, hat mir Mut gemacht und auch mich gestärkt.
„Ich will den Gästen, den Referent*innen danke sagen, die aus dem Ausland hergekommen sind, den Weg und die Strapazen auf sich genommen haben, hierher zu kommen, um ihre Kämpfe und Strategien vorzustellen, so dass wir uns vernetzen können. Bei mir macht sich so ein kleiner Abschiedsschmerz schon breit, weil ich denke, das war viel zu kurz und ich habe ein ganz großes Bedürfnis da nochmal mehr mitzukriegen und tatsächlich über konkrete nächste Schritte nachzudenken, wie wir transnational zusammenarbeiten können, wo natürlich diese 2,3,4 Tage viel zu kurz waren.“ Eine Teilnehmerin.