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brandfilme arbeitet an einem neuen 3-teiligen Filmessay sowie an einer Reihe von Interviews:

SCHMERZ HAT KEIN BILD

Von Trennung und Teilung 
Erkundungen hinter den Spiegeln der nicht-schwarzen Welt   

Foto: ©Susanne Fasbender

1. Spurensuche in unbekanntem Terrain: Fragen zur Schwarzheit

2. Schwarz, weiss und grün: Klimawandel und Rassismus

3. Vom Dienen der Natur

 

Das Konzept zu dieser Filmreihe entstand ursprünglich aus dem Interesse, den Widersprüchen innerhalb der verschiedenen ineinander verschränkten Bereiche zur „Rettung der Erde“, der anvisierten Lösungen und Scheinlösungen, die sich trotz der Erzählung einer gerechteren und grünen Zukunft immer tiefer in das globale Zerstörungswerk zu verstricken scheinen, auf den Grund zu gehen. Während das rasante Zersetzungs- und Extraktionswerk der multinationalen Konzerne seinen Lauf nimmt und zugleich an allen Ecken und Enden der Welt Menschen um Tierbefreiung, Wälder, Bäume, Gewässer, Dörfer, Naturräume und Ökosysteme, um LGBTIQ-Rechte, um Arbeitsbedingungen und Arbeitsplätze, um Wohnraum, Lebensraum und gegen Rassismus kämpfen, wird die um sich greifende Realität von Naturkatastrophen und Verbrechen an Leben und Körpern immer bedrohlicher.

Weltkarte der bisher (9.Okt.20) 3.289 beim Environmental-Justice-Atlas gemeldeten Fälle von Land- und Umweltkonflikten CC BY-NC-SA 3.0 https://ejatlas.org/

Der Rassismusdiskurs nimmt seinen Lauf und doch werden weiter Schwarze Menschen und People of Colour getötet, bleibt der Ozean ein Grab für Flüchtende, geraten Migrant*innen in die Netzwerke eines erbarmungslosen Menschenhandels oder in die Gefängnisse und Folterkammern europäischer oder außereuropäischer Sicherheitssysteme.

In „Schmerz hat kein Bild“ begebe ich mich auf die Spur gesellschaftlicher Grundverhältnisse, die dieser Ambivalenz der Moderne und ihrer heillosen sozio-ökologischen Entwicklung zugrunde liegen. Dabei erscheint mir, dass gerade Anti-Blackness eine hoch relevante, doch aus weisser Perspektive kaum untersuchte Form einer wirkmächtigen Teilung der Welt in Nicht-Schwarz und Schwarz ist, auf deren Spur ich hoffe, diesen drängenden Fragen der Zerstörung der Erde auf die Spur zu kommen. Ich erkunde mit Hilfe der „Fragen zur Schwarzheit“ (s.1.Teil)  das Bestehen von Grundannahmen, die wie treibende Kräfte wirken und immer wieder das eigentliche Leben und Leiden, den Ausschluss ganzer Bevölkerungen vom Zugang zu Ressourcen und zur Sicherung von Existenzbedürfnissen in eine strukturelle Unsichtbarkeit verdammen.

Interviews mit bevorzugt Schwarzen Wissenschaftler*innen, Historiker*innen, Feminist*innen, Künstler*innen, Philosoph*innen und Akteur*innen Schwarzer Gruppierungen in der BRD untersuchen aus dem europäischen Raum heraus geprägte Ursprünge von gewalt- und herrschaftsförmiger Trennung und Teilung von Daseinsformen, von ehemals zusammengehörigen Lebenssystemen und Gesellschaften. In den Gesprächen frage ich nach historischen Verläufen sich fortsetzender und wachsend verzweigender Antagonismen von Sichtbarkeit und „Verschwinden hinter den Spiegeln der nicht-schwarzen Welt“.

Ist Schmerz dabei ein eigentlich verbindender und aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verdrängter Faktor? Ist es der Schmerz der Trennung und Ohnmacht, der 24 Stunden am Tag entstand und entsteht, wenn Menschen als Körper der Arbeit verschleppt wurden und werden, um unter Zwang Fortschritt und Reichtum zu erschaffen? Kann Schmerz als elementare Kategorie und historische Substanz des Daseins unter lebenden Wesen in der belebten Welt verstanden werden, obwohl er keine gesellschaftliche Instanz darstellt und aus der geschichtlichen Erzählung mehr oder weniger verbannt wurde?

Sind wir hier an dem Punkt angekommen, wo Spaltung und Vereinzelung als ein gesellschaftliches und zwischenmenschliches Grundverhältnis verstanden werden können, das Zerstörungswerke ermöglicht ohne Berücksichtigung ihrer Auswirkungen - wie es etwa bei der Externalisierung sozialer und ökologischer Schäden in der kapitalistischen Wirtschaft der Fall ist? Handelt es sich um ein gesellschaftlich erzeugtes Grundverhältnis, das für Lebewesen unter der Suprematie des Menschen bestimmend ist und sich in zahlreichen Formen sozialen Zusammenlebens reproduziert?

Ist der Schmerz der Anderen nicht nur philosophisch gesehen auch der eigene? Und wenn ja, ist es dann möglich, dass wir inmitten unserer emanzipatorischen Bemühungen dennoch Strukturen und Normen der Spaltung und Ausgrenzung reproduzieren?

Ich bin weit davon entfernt, für mich diese Fragen beantwortet zu haben, aber ein Versuch ist es doch wert, in diesen filmischen Essays meine Interviewpartner*innen, die ich nach und nach hier vorstellen kann, zu befragen.

"Bring Back Our Treasures" Kundgebung der Gruppe Pay Day Africa International vor dem Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln 12.9.2020 Foto:©Susanne Fasbender

1. Spurensuche in unbekanntem Terrain: Fragen zur Schwarzheit

Während ich mich mit rassistischen Verhältnissen im Zusammenhang mit Rohstoffextraktionen und wirtschaftlicher Aneignung im globalen Süden befasste, kam das Thema der Rassifizierungen und Schwarzheit in Form der aktuellen BLM-Entwicklungen näher und wuchs in meinem Leben. Umso mehr geriet die Frage nach der Teilung der Welt in Schwarz und Nicht-Schwarz - eine Definition, die der Philosoph Frank. B. Wilderson III vorschlägt, herkömmlicherweise als Schwarz und weiss bezeichnet - für mich in den Vordergrund und wurde auf eine Weise präsent und zugleich persönlich, schwieriger, gewaltvoller und emotionaler, da ich als nicht-schwarze Person plötzlich involviert bin. Denn ich realisiere, dass ich auf eine akut wahrgenommene Art und Weise Teil bin der Trennung der Welt in Schwarz und nicht-schwarz. Das Thema wird zum Schlüsselthema und birgt vielleicht ein befreiendes Potential, da es, wie mir scheint, die Substanz unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens berührt.

Angeregt durch die hervorragende Bildungsarbeit des Afrikanisten Serge Palasie möchte ich mich im 1.Teil der Reihe der gewaltsamen Verschleppung von 60 Millionen Afrikaner*innen im transatlantischen Handelsraum, von welchen 15 Millionen Afrikaner*innen die Verschleppung überlebten, um als Körper der Arbeit die reiche Welt aufzubauen, annähern. Zur gleichen Zeit, als diese 60 Millionen Menschen Afrikas ihres Subjektseins beraubt und systematisch zu handelbarer Ware gemacht wurden, schuf die Aufklärung die gefeierten humanistischen Werte der europäischen Gesellschaft:

Minerva, Göttin der Weisheit, als Symbol für Toleranz, 1791, public domain, Quelle: Wikipedia

Vernunft, Menschenrechte, Freiheit, Toleranz usw., die als Kategorien des Humanismus von nun an Gültigkeit erhalten sollten. Rund um die Herrschenden und ihre prachtvollen, durch Versklavung und Zwangsarbeit errichteten Paläste rückten diese Werte in den Spiegel einer Sichtbarkeit, hinter deren Rückseite die Existenz und der Schmerz der Versklavten aus der Wahrnehmung verschwanden. Hierbei handelt es sich um die sicher ausgeprägteste Form des Widerspruches zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden, weswegen ich nach ihren Festschreibungen frage. Gibt es eine Verknüpfung zu den heutigen Fragen des Rassismus und wie äußern sich diese? Was erfahre ich dazu mit Hilfe des Schwarzen Feminismus? Wie entstand eigentlich das Konzept des Weissseins und wie untersuche ich es?

 

"Stowage (Ladung) of the British Slave Ship Brookes under the Regulated Slave Trade", ca 1789, public domain, Quelle: Wikimedia Commons

Was birgt das Verhältnis zwischen Schwarz und weiss im Rahmen unserer gesellschaftlichen Prägungen und wie finde ich es heraus, scheint doch die komplexe und kritische Beschaffenheit desselben in der Selbstwahrnehmung weisser Menschen unter einer scheinbaren Selbstverständlichkeit verborgen zu liegen. Bezugnehmend auf Texte der Autorin und Akademikerin Saidiya Hartman möchte ich fragen, ob das weisse Selbstverständnis überhaupt ohne ein Außen der Schwarzheit zu verstehen sein kann. Welche Chancen birgt es, sich mit Rassismen zu beschäftigen im Hinblick darauf, den o.g. Grundverhältnissen auf die Spur zu kommen und der „Zerstörung der Erde“ zu begegnen?

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2. Schwarz, weiss und grün: Klimawandel und Rassismus

Wir erleben heute die Umsetzung eines Grünen Kapitalismus, der die Aussicht auf eine „grüne Zukunft“ als „gerechtere Welt“ verspricht und in seiner Erzählung dem Ruf nach Klimagerechtigkeit entspricht. Dieses Versprechen hat sich als Projektionsfläche einer Hoffnung etabliert, die an die Stelle realer Veränderungen zu treten und sich darin zu erschöpfen droht.

Seuri berichtet von der durch die vom Klimawandel verursachte Trockenheit in den Massai-Gebieten in Tansania notwendig gewordenen täglichen Wanderungen mit seinen Tieren der Familie zu Wasserstellen. Zusätzlich werden ihre Gebiete für die Massai gesperrt, um sie für den Tourismus zu "schützen". Die Kämpfe und Leiden finden also auf vielen Ebenen statt. Foto: ©Seuri

Der Grüne Kapitalismus kann sich fast aller Begriffe der Umweltbewegungen bedienen, obwohl er, um sich zu entwickeln, weiter einen grenzenlosen Bedarf an Rohstoffextraktionen, Einhegung von Gebieten und Vertreibung von Bevölkerungen produziert. Der 2. Film der Reihe „Schwarz, weiss und grün: Klimawandel und Rassismus“ untersucht genauer die Praktiken, Pläne und Realisierungen eines Grünen Kapitalismus im Rahmen z.B. des Green New Deals. Wie verhält es sich genau damit und was soll eigentlich passieren?

Green Economy ©World Rain Forest Movement: https://wrm.org.uy/articles-from-the-wrm-bulletin/section1/the-green-economy-giving-immunity-to-criminals/

In der bisherigen Praxis der Grünen Lösungen, die seit Beginn der 1990er Jahre realisiert wurden, ist ein rassistisches Grundverhältnis bei der Projektierung CO2-einsparender Entwicklungsprojekte im Globalen Süden immer wieder kritisiert worden. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären und sichtbar machen? Gerade hier, in der Komplexität finanztechnischer Herangehensweisen, der Orientierung notwendiger Problembewältigung auf Prozesse der Kommodifizierung und Logiken der Geldabstraktion ist der Widerspruch zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden besonders ausgeprägt.

Quelle: Rainforest Foundation UK

Wie positionieren sich Gruppierungen, die Klimawandel und Extraktivismus bekämpfen, dazu? Wie kompromissbereit sind sie und was bedeutet das für ihre ursprünglichen Ziele?

3. Vom Dienen der Natur

Die Idee der Beherrschung aller anderen Geschöpfe durch den Menschen möchte ich im 3. Teil der Reihe als grundlegende Frage von „Trennung und Teilung“ im gesellschaftlichen Naturverhältnis und im Mensch-Tierverhältnis betrachten und mit einer Reise durch die letzten 80 Jahre der Umweltgeschichte illustrieren. Wie z.B. die Idee, Fähigkeiten von Pflanzen als Dienstleistungen für Kapitalflüsse in Wert zu setzen entstand - ein Projekt, an dem ich schon seit der Brandfilmetrilogie arbeite - ist Teil dieser Reise.

Antiquarische Bücher der Umweltgeschichte Foto: ©susanne fasbender

Der Film folgt essayistisch und assoziativ den vielen Aspekten und Konzepten rund um die Zerstörung der Natur, der nach Gebrauchswert definierten Hierarchisierung der Tiere - oder der „anderen Tiere“, eine Formulierung, die auch sprachlich die Hierarchisierung zwischen menschlichen und anderen Tieren aufheben soll - und dem kapitalistischen Fortbestand dieser Praktiken.

"Die letzte Chance für eine Leben ohne Not", von Annie Francé Harrar aus dem Jahr 1950. 700 Seiten über Humus und die von ihr und ihrem Mann Raoul Francé weltweit untersuchten Waldböden und deren Zerstörung durch den Menschen wurde von Albert Einstein als eines der wichtigsten Bücher des 20. Jhdts. gelobt, blieb unbekannt. Foto: Susanne Fasbender, Weiterverwendung unter Namensangabe erlaubt.

Hier wie auch in den anderen beiden Teilen der Filmreihe versuche ich, als naturhaft wahrgenommene, eben offenbar als gesellschaftliche Grundverhältnisse zu verstehende Widersprüche herauszuarbeiten, die das Fortsetzen der kapitalistischen Naturzerstörung legitimieren und auf denen die konzipierten und bereits bestehenden Praktiken einer Beherrschung der bzw. Anpassung an die Klimakrise, die in Teil 2— behandelt werden, beruhen.

Denn, was ich im Konzept der Fragen für die Filme jetzt bemerke vergessen zu haben: Könnten wir vielleicht sogar so weit gehen zu fragen, ob nicht gerade moralische Ansprüche ein historisch wesentlicher Faktor sind, um die stets sichtbare Seite gegenüber der unsichtbaren zu legitimieren? Daher möchte ich mit Interviewpartner:innen darüber sprechen, wie die in dieser Filmreihe zu behandelnden Widersprüche zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden sich in multiplen Verzweigungen sozialer Bedingungen manifestieren, denen wir Menschen uns in der weiss geprägten Gesellschaft jedoch nicht stellen wollen. Im gesellschaftlichen Bewusstsein auf eine „bequeme“ Weise verankert, entfalten sie ihre Wirkmacht auch bis hinein in die Strukturen der eigenen sozialen Bewegungen, bleiben vergraben unter einer zu schnellen Identifizierung mit „dem scheinbar Richtigen“ und nicht Falschen. Könnte sich vielleicht sogar die Moral vom vermeintlich besseren Menschen als Hindernis auf dem Weg zum Ziel der Befreiung erweisen, etwa indem wir uns im Vergleich mit anderen auf der richtigen Seite einfinden, während es uns dabei vor allem um unsere Anerkennung als Person wie ihres sozialen und gesellschaftlichen Status geht? Diese spannende Frage sei noch rückwirkend auf die Konzepte der 3 Filme angewendet.

Erst wenn diese Fragen, die ich für grundlegend halte, auf eine Weise behandelt wurden, dass ich erkennen kann, wie ich und andere sich zu grundlegenden Widersprüchen, die ich hier als Grundverhältnisse beschreibe, verhalten, inwieweit dieselben auch im direkten sozialen Miteinander immer wieder reproduziert werden, möchte ich mich den Fragen einer anderen Gesellschaft widmen, in der ansonsten Unhinterfragtes einfach mit übernommen wird.

Susanne Fasbender, Oktober 2020